Eigentlich wollte Theresa Kamp Medizin studieren. Geworden ist sie Familienrechtsanwältin – und laut TREND die beste ihres Fachs. Als sie als Konzipientin anfing Videos zu drehen, warnten Kolleg:innen: „Du findest nie wieder einen Job." Heute laufen die Videos sechsstellig, sie führt eine eigene Kanzlei gemeinsam mit Patrick Kainz und zitiert zustimmend Sätze wie „Fachsprache ist Machtmissbrauch". Ein Gespräch über ein Familienrecht, das menschlicher ist als sein Ruf, über die Mythen, die sich um Frauen und Karriere hartnäckig halten – und über eine KI, vor der sie sich nicht fürchtet.
Diakonie, Boltzmann-Institut, Asylrechts-Dissertation. Dann Familienrecht. Wie viel davon war tatsächlich Plan? Und wo ist es einfach anders gekommen als gedacht?
Es war wenig Plan. Ich habe immer gewusst, dass mich das klassische Banking and Finance nicht interessiert. Ich wollte dort sein, wo Menschen sind, wo echte Menschen echte Probleme haben, für die man sich einsetzen kann. Ich glaube, ich brauche, dass ich mich für Herrn Müller oder Frau Meier einsetzen kann. Irgendwo im M&A-Bereich Datenräume befüllen, da wäre ich falsch. Das würde mich zu wenig packen, als dass ich diesen Einsatz zeigen könnte. Im Asylrecht ist es für die Menschen um sehr viel gegangen, und da hatte ich das Glück, unterstützen zu können. Ins Familienrecht bin ich eigentlich gekommen, weil ich danach im Asylrecht keine Stelle gefunden habe. Da habe ich mir gedacht: gut, Familienrecht. So hat sich das ergeben.
Anwaltsprüfung frisch bestanden. Der typische Gedanke: Die Prüfung hab ich, aber für die eigene Kanzlei fehlt noch Erfahrung. Erst ein paar Jahre „angestellt" bleiben, dann irgendwann selbständig. Du überspringst das. Was war der Moment, in dem du wusstest: Ich mache das jetzt allein und welche Learnings hast du aus dieser Zeit mitgenommen?
Ich war ursprünglich Konzipientin bei meinem jetzigen Kanzleipartner Patrick Kainz, also bei ihm angestellt. Als ich nach der Prüfung eintragungsfähig war – recht kurz danach – wollte ich nicht mehr angestellt bleiben. Ich wollte etwas aufbauen, das zum Teil meines ist. Ich hab mir gedacht: Besser, man arbeitet für die eigenen Träume als für die von jemand anderem. Patrick Kainz hat sich freundlicherweise bereit erklärt, das gemeinsam mit mir zu machen und so haben wir heute zusammen eine Rechtsanwaltskanzlei.
Familienrecht heißt: Menschen sitzen dir gegenüber, wenn gerade alles auseinanderbricht. Wie gehst du selbst mit diesen belastenden Situationen um? Und wie schaffst du die Trennung zwischen Beruf und Privatem?
Es ist genau so: Die Leute kommen in einer totalen Ausnahmesituation, unter extremem Stress und den meisten geht es schlecht. Das ergreift einen natürlich. Ich versuche, ein Modell aus der Medizin anzuwenden – „distant concern". Ich fühle mit, ohne mich mit der Person in ihr emotionales Loch zu setzen, weil sie davon auch nichts hat. Aber ich nehme die Situation sehr ernst und vor allem mit großem Respekt. Ich kann derartige Situationen sehr gut nachvollziehen, denn ich hatte selbst einmal ein familienrechtliches Verfahren und war damals sehr froh um Unterstützung. Ich weiß, wie belastend solche Situationen sind, dass man damit schlecht schlafen geht und aufwacht. Deshalb ist es so wichtig, in dieser Situation jemanden an seiner Seite zu haben.
Das "Händchenhalten", das Zuhören, die richtigen Impulse – das kann eine KI nicht. Was ist deine Einschätzung zu diesem Thema?
Vielleicht lebe ich in einer Traumwelt, aber ich fürchte mich vor der KI nicht. Sie wird unseren Beruf weiterentwickeln und umstellen, aber ich schätze, dass auch in zehn Jahren keine KI für jemanden verhandeln gehen oder im Scheidungsverfahren vor Gericht sitzen wird. Dass wir komplett ersetzt werden durch KI, halte ich für unwahrscheinlich. Im Moment ist die KI ein sinnvolles Tool – für Menschen, die sich auskennen. Teilweise produziert sie richtige Sachen, aber vieles ist auch falsch. Und wenn es falsch ist, ist es doppelt gefährlich.
Du sagst klar: „Einigung muss sich auszahlen, nicht um jeden Preis." Wann ist es einfach zu viel? Wann ziehst du die Reißleine und sagst deiner Mandantschaft: Ab hier nur noch vor Gericht?
Man sollte überhaupt keine Scheu vor dem Gericht haben. Nur weil man vor Gericht ist, heißt das nicht, dass man bis zum letzten Tag streitet – das wissen wenige: Man kann eine strittige Scheidung jederzeit auf eine einvernehmliche umstellen. Eine Klage bringt manchmal sogar Bewegung hinein, und dann einigt man sich eben vor Gericht. Ich bin Fan von Einigungen, ich einige mich gern. Aber es muss aus einer Position der Stärke heraus sein – nicht, weil ich mich zu Tode fürchte und mir denke, der andere gibt mir ohnehin nichts. Das ist eine schlechte Ausgangslage. Ich erlebe manchmal Leute, die in einer schlechten Ehe waren oder lange schlecht behandelt wurden, und dann das Gefühl haben: Ich halt das nicht aus, ich kann mich nicht wehren, der andere ist übermächtig – ich verzichte auf alles, ich will nur, dass es aufhört. Zu denen sage ich: Wenn Sie auf alles verzichten wollen, dann bitte ohne mich, das ist nämlich billiger. Ich rate davon ab. Auf Unterhalt zu verzichten zum Beispiel muss man sich auch leisten können: Wer wirtschaftlich ohnehin in einer schwierigen Lage ist und dann noch verzichtet, bekommt am Ende vielleicht keine Sozialleistungen. Mit Verzicht gehe ich grundsätzlich sparsam um. Eine Einigung muss so sein, dass beide weiterwurschteln können – nicht eine, bei der einer alles verliert. Das kann ich nicht vertreten.
Gibt es eine Statistik, wie viele Ehen einvernehmlich und wie viele strittig geschieden werden?
Die Statistik ist verzerrt. Die allermeisten Ehen werden einvernehmlich geschieden – ungefähr 89 Prozent. Was darin nicht aufscheint: Es ist auch dann „einvernehmlich", wenn ich vorher drei Jahre vor Gericht gestritten habe und am Ende sage: Passt, jetzt einigen wir uns – nach unzähligen Verhandlungen und tausenden Stunden Arbeit. Das läuft dann als einvernehmlich. Eine Person klagt, es gibt eine Verhandlung, die Richterin fragt: Wie schaut's aus, wie weit sind wir auseinander, schaffen wir's nicht doch? Und im Lauf des Verfahrens finden die Leute oft doch zueinander. Es sind also die meisten einvernehmlich – aber manchmal ist es ein bitterer Weg.
Klischee Familienrecht gleich Frauenrecht – wie viel davon ist Realität, wie viel ein bloßer Mythos?
Das würde ich nicht so sagen. Es gibt viele sehr kompetente männliche Kollegen im Familienrecht. Vielleicht sind hier mehr Frauen als in anderen Rechtsgebieten – aber nur, weil es anderswo noch weniger sind. Ich habe ganz oft männliche Kollegen auf der Gegenseite. Vielleicht ist es auch nur meine subjektive Wahrnehmung. Mir fallen jedenfalls viele superkompetente Kolleg:innen ein – aber es ist nicht so, dass ich nur mit Frauen zu tun hätte.
Anwaltskanzleien in 2026: Nur 21% der Partnerebene sind Frauen. Bei den Equity-Partnern sogar nur 16%. Drei Erklärungen kursieren: Seilschaften unter Männern. Frauen, die angeblich weniger Umsatz reinholen. Strukturelle Hürden, die es unverhältnismäßig erschweren. Welche trifft es aus deiner Sicht? Oder hakt es ganz woanders? Braucht es eine Quote?
Ich bin ein totaler Fan der Frauenquote, weil ich glaube, wir brauchen sie. Die Anwaltschaft ist immer noch recht konservativ, es gibt steile Hierarchien, und die Haltung ist: Never change a winning team. Wer alles hat – warum sollte der etwas hergeben? Auf der Partnerebene sitzen hauptsächlich Männer, und aus deren Sicht gibt es wenig Motivation, etwas zu ändern. Dass Frauen weniger leistungsfähig wären, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Ich glaube, vieles liegt an den starren Systemen, am fehlenden Raum für Flexibilität. Man muss nicht von 9 bis 19 Uhr in der Kanzlei sitzen – man kann auch woanders und zu anderen Zeiten arbeiten. Wir haben eine output-orientierte Arbeit: Es gibt den Schriftsatz, oder es gibt ihn nicht. Da kann man ganz leicht schauen, ob das Verlangte geliefert wird. In Wahrheit muss es egal sein, ob der Schriftsatz in der Kanzlei entsteht oder um 20 Uhr, wenn die Kinder im Bett sind. Man könnte sich sogar dazu hinreissen lassen, zu überlegen, dass Kinder nicht mehr nur Frauensache sind – dass auch Männer sich mehr einbringen wollen. Es ist eben nicht automatisch so, dass ein Mann, den man befördert, nie zu Hause bei den Kindern bleibt.
Der Job ist messbar – der Schriftsatz ist da oder nicht. Trotzdem hält sich die Anwesenheitskultur. Woran scheitert die Flexibilität?
Wir sind ohnehin alle dazu angehalten, ständig alles zu verzeichnen – da könnte man Raum geben. Mit Kindern bist du limitiert, weil jemand sie um drei oder vier vom Kindergarten abholen muss. Das heißt aber nicht, dass ich ab zwei nicht mehr arbeiten kann. Ich kann halt in dem Fenster, in dem die Kinder wach sind, nicht arbeiten oder aber man wechselt sich ab: an einem Tag der eine, am anderen der andere. Wir müssen weg von dem Bild, dass man von 9 bis 23 Uhr in der Kanzlei sitzen muss und nur dann etwas reißt. Das stimmt nämlich nicht. Vor den Kindern hab ich mir auch noch den fünften Snack gemacht und kurz eine Serie geschaut. Heute weiß ich: Jetzt ist die Zeit, jetzt mach ich's, weil dann sind die Kinder wieder da. Gerade in größeren Strukturen herrscht automatisch die Idee: Wenn Frauen Kinder kriegen, sind sie beruflich nichts mehr wert. Das ist für viele Frauen extrem kränkend und einfach unwahr.
Deine Videos knacken sechsstellige Aufrufe. Wann ist im Standesumfeld der Ton gekippt – vom „das macht man nicht" zum „wie machst du das eigentlich"?
Als Patrick Kainz und ich angefangen haben Videos zu machen – vor sechs Jahren – war das Umfeld aber noch anders. Wir haben nicht nur Erklärvideos gemacht, sondern auch ein bisschen Klamauk. Ich war damals Konzipientin und meine Freundinnen und Freunde – selbst Konzipient:innen, teils bei größeren Kanzleien – waren entsetzt. Ihre Chefs sagten: Du findest nie wieder einen Job. Sie haben mich gewarnt: Bitte mach das nicht. Ich hab mich gefürchtet und gedacht: Oh je, das ist peinlich. Was ist wenn ich wirklich keinen Job mehr finde? Und dann hat sich alles gedreht. Die Akzeptanz ist größer geworden, man gewöhnt sich daran. Damals war es aber noch sehr ungewöhnlich, heute ist es nicht mehr schlimm, auf Instagram zu sein. Der Schlüssel ist, Kritik auszuhalten. Wenn sich jemand über etwas aufregt, heißt das ja, dass es relevant genug ist, dass er sich überhaupt damit beschäftigt. Das ist eigentlich gar nicht so schlecht. Sichtbar zu sein ist gut: Wenn du der Beste in etwas bist, aber niemand weiß davon, nützt es dir nichts.
Wie wichtig ist es, sich dabei selbst nicht zu ernst zu nehmen?
Genau das ist es: Man darf sich selbst nicht zu ernst oder zu wichtig nehmen. Es gibt Grenzen – man sollte nichts Ehrenrühriges machen, nichts, was dem Ansehen des Standes schadet. Aber das Bild der Anwaltschaft darf sich bewegen, es darf einen Wandel geben. Es muss nicht erstarrt bleiben, weil auch die Gesellschaft und die Sprache im Wandel sind. Ich glaube sogar, dass das den Menschen dient: Es macht den Gang zur Anwältin niederschwelliger. Die Leute fürchten sich weniger, sie denken nicht mehr „das ist wer im Elfenbeinturm", sondern: Das sind ganz normale Leute.
Kommen Mandant:innen tatsächlich über die Videos zu dir? Lässt sich das messen?
Witzigerweise sagt mir kaum jemand direkt etwas dazu. Ich weiß ehrlich gesagt nicht genau, ob die Leute die Videos kennen. Ab und zu, wenn man länger spricht, sagt wer: Ja, das hab ich eh schon gehört bei Ihren Videos. Aber ob der Social-Media-Auftritt eins zu eins konvertiert, ist schwer messbar. Sinnvoll fürs Brand Building ist es auf jeden Fall – wie eine moderne Visitenkarte. Wer eine Empfehlung bekommt, schaut sich vorher die Videos an und denkt sich: Aha, die ist mir sympathisch oder eben nicht. Mir ist außerdem wichtig, dass wir als Anwält:innen für viele zugänglich sind. Ich habe einmal gehört: Fachsprache ist Machtmissbrauch. Das stimmt. Wenn wir eine Sprache verwenden, die viele Menschen nicht verstehen, ist das falsch. Wir sind Dienstleister:innen, wir sollten komplexe Dinge verständlich aufbereiten können. Wer das nicht kann, hat es vielleicht selbst nicht ganz verstanden.
Eine Konzipientin kommt zu dir und sagt: Ich will in zwei Jahren selbständig sein und maximal sichtbar werden. Was muss sie ab Tag eins anders machen als die anderen?
Der springende Punkt ist Sichtbarkeit – man muss etwas tun. Das betrifft Frauen vielleicht noch mehr als Männer: dieser Wunsch zu entsprechen, alles richtig machen zu wollen, brav zu liefern. Aber wenn du immer nur alles abarbeitest und der siebte Zwerg von links bist, hast du es schwer, sobald du auf eigenen Beinen stehen willst. Sichtbarkeit kann viele Facetten haben, und du musst dich fragen: Womit fühle ich mich wohl? Netzwerkveranstaltungen? Vorträge in dem Gebiet, in dem ich mich profilieren will? Auf LinkedIn schreiben, Videos, ein Podcast? Mehr ist immer mehr – je mehr, desto besser. Aber wenn jemand etwas überhaupt nicht mag, soll er's auch nicht machen. Es muss authentisch zur eigenen Rolle passen. Ich zum Beispiel kann eines überhaupt nicht: netzwerken. Es gibt Menschen, die sind Social Butterflies – ich bin das null. In einer Gruppe von Fremden zu stehen, ist für mich extremer Stress; ich hab richtig Angst davor, irgendwo allein herumzustehen und nicht zu wissen, was ich sagen soll. Also lass ich das – muss ich auch nicht. Dafür kann ich andere Sachen, und die mach ich dann gern.
Du wachst morgen in einem komplett anderen Job auf – welcher würde dich ernsthaft reizen, und welchen würdest du keine zwei Wochen überleben?
Ich wäre wahnsinnig gern Buchverkäuferin, das wäre mein Traumjob. Ich lese extrem gern. Als Jugendliche war der Buchladen in Klagenfurt mein Happy Place – ich bin ständig hin und hab mich mit den Buchverkäufer:innen ausgetauscht. Die waren für mich wichtige Personen, weil sie so viele Bücher kannten und mich richtig beraten konnten. Ich wollte damals zum Beispiel keine Bücher, in denen jemand stirbt – da hab ich immer nachgefragt. Der Laden hat ein bisschen ausgeschaut wie der Bücherturm in der „Unendlichen Geschichte". Das wäre mein Traum: ein paar Stunden lesen und dann beraten.
Das komplette Gegenteil: Zahnärztin. Mein Mann ist Zahnarzt – für mich wäre das entsetzlich. Ich gehe selbst extrem ungern zum Zahnarzt, ich finde das eine herausfordernde Situation. Und ich glaube, ich wäre auch eine schlechte Zahnärztin. Ich bin froh, dass ich's nicht bin.
Steckbrief: Persönliche Fragen an Theresa Kamp
Wo und wie tankst du Energie?
Allein zu Hause, wenn die Kinder im Bett sind und alles ruhig ist – mit einem Buch.
Familienrecht in einem Wort?
Viel.
App, ohne die dein Anwaltsalltag zusammenbricht?
Outlook.
Bester Karriere-Tipp, den du je bekommen hast?
Mut zur Lücke.
Dieses Interview wurde mit einem Diktiergerät der Firma EDV 2000 aufgenommen.
EDV 2000 ist IT-Dienstleister für Rechtsanwälte. Anwaltssoftware, Spracherkennung und Hardware – alles aus einer Hand.
