Zwei erste Arbeitstage, 25 Jahre auseinander: Juli 2001 bei der Finanzprokuratur, Juli 2026 bei Tonninger Schermaier & Partner. Dazwischen liegt ein Vierteljahrhundert mit genau einem Mandanten: der Republik Österreich. Zuletzt war Martin Paar Leitender Prokuraturanwalt, zuständig für Justiz und Staatsaufgaben. Heute vertritt er Unternehmen und Privatpersonen, auch dann, wenn der Staat auf der anderen Seite des Tisches sitzt. Im Interview erzählt er, warum sein Wechsel kein Bruch war, welche Klischees Kanzleien und Staatsdienst übereinander pflegen und welche Gegenfrage er jungen Juristinnen und Juristen stellt, die vor derselben Entscheidung stehen.
Zwei erste Arbeitstage, 25 Jahre auseinander: Juli 2001 bei der Finanzprokuratur, Juli 2026 bei Tonninger Schermaier & Partner. An welchem waren Sie nervöser?
Ehrlich gesagt: an keinem von beiden. Was an beiden Tagen überwog, war die Freude auf etwas Neues – diese Erwartung, was auf einem zu kommt, welche Menschen man kennenlernt, welche Aufgaben einen erwarten. Diese Freude hat eine Nervosität gar nicht aufkommen lassen.
Sie waren zuletzt Leitender Prokuraturanwalt der Finanzprokuratur, zuständig für Justiz und Staatsaufgaben. Wie hat sich ein „typischer“ Arbeitsalltag gestaltet?
Den einen typischen Arbeitsalltag gab es eigentlich nicht – und das war das Reizvolle daran. Verhandlungstage und ruhigere Bürotage wechselten sich ab, aber langweilig wurde es selten.
An verhandlungsfreien Tagen stand vor allem die inhaltliche Arbeit im Vordergrund: Beratungsgespräche mit Behörden und Ministerien, die Erstellung schriftlicher Gutachten, die Bearbeitung laufender Mandate. Dazu kam – wie in jeder Anwaltskanzlei – die alltägliche Aktenverwaltung und Korrespondenz.
Was meine Rolle als Leitender Prokuraturanwalt von der reinen Anwaltstätigkeit unterschieden hat, waren die Führungsaufgaben: Mitarbeitergespräche, die Weiterentwicklung von Arbeitsabläufen, die strukturelle Verantwortung für das Team uvm. Das hat eine eigene, andere Art von Komplexität mitgebracht – und mir persönlich viel Freude gemacht.
Die Anwaltsprüfung hatten Sie seit 2005 in der Tasche, angelobt wurden Sie im Juli 2026. Was waren Ihre Beweggründe für eine Karriere in der Finanzprokuratur?
Die Finanzprokuratur war für mich keine Zwischenstation, sondern eine bewusste Entscheidung – und eine, die ich nie bereut habe. Was mich von Anfang an fasziniert hat, war die besondere Natur der Mandate. Als Anwalt der Republik vertritt man nicht einen privaten Klienten, sondern letztlich die Interessen der Allgemeinheit. Jeder Schadenersatzanspruch, der abgewehrt oder reduziert wird, ist am Ende Steuergeld, das dem Staat erhalten bleibt. Das verleiht der Arbeit eine Dimension, die über den Einzelfall hinausgeht – und eine Verantwortung, die ich als besonders sinnstiftend empfunden habe. Dazu kamen die inhaltliche Breite und die Komplexität der Rechtsmaterien, mit denen man bei der Finanzprokuratur konfrontiert wird, sowie die Möglichkeit, in einer Institution zu wachsen und schließlich Verantwortung für ein Team zu übernehmen. Diese Kombination war für mich über viele Jahre der entscheidende Anreiz.
Und dann der Absprung: Was war der Moment, in dem Sie wussten: Jetzt gehe ich?
Den einen Moment gab es nicht – und ich wäre misstrauisch, wenn jemand behaupten würde, es wäre so einfach. Es war ein schleichender Prozess, eine wachsende innere Gewissheit, die sich über einen längeren Zeitraum herausgebildet hat. Irgendwann habe ich mich gefragt: Wo kann ich das, was ich über mehr als zwei Jahrzehnte aufgebaut habe – das Wissen, die Erfahrung, das Gespür für komplexe Rechtsmaterien – am wirkungsvollsten einsetzen? Die Antwort war überraschend klar: indem ich die Steuerzahler, deren Interessen ich so lange auf der anderen Seite des Tisches vertreten habe, nun unmittelbar und persönlich vertrete. Es war also kein Bruch, sondern eine Fortsetzung – mit einer anderen Perspektive.
25 Jahre lang hatten Sie genau einen Mandanten: die Republik. Jetzt sitzen Unternehmen und Privatpersonen vor Ihnen. Was ändert das daran, wie Sie beraten?
Im Kern hat sich das Handwerk nicht verändert – sorgfältige Analyse, klare Beratung, konsequente Vertretung. Das bleibt, unabhängig davon, wer auf der anderen Seite des Tisches sitzt. Was sich verändert hat, ist die Unmittelbarkeit. Bei der Finanzprokuratur war mein Mandant eine Institution – abstrakt, beständig, mit eigenen Strukturen und langen Entscheidungswegen. Heute sitzt mir ein Unternehmer gegenüber, dem ein Rechtsstreit schlaflose Nächte bereitet, oder eine Privatperson, für die es um sehr viel geht. Diese Unmittelbarkeit verändert die Beratung: Sie wird persönlicher, direkter – und die Verantwortung spürt man anders. Was mich dabei antreibt, ist ein Grundgedanke, der mich schon durch meine Zeit bei der Finanzprokuratur begleitet hat: Anwältinnen und Anwälte sind ein unverzichtbarer Teil des Rechtssystems. Wir sorgen dafür, dass Rechtsstaatlichkeit nicht nur auf dem Papier existiert, sondern im Einzelfall gelebt wird – dass jeder Mensch, unabhängig von seiner Position, zu seinem Recht kommt. Das war meine Überzeugung damals, und sie ist es heute.
25 Jahre lang wussten Sie, wie die Republik denkt, verhandelt und entscheidet. Wie sehr hilft dieses Insiderwissen Ihren Mandantinnen und Mandanten, wenn der Staat jetzt auf der anderen Seite des Tisches sitzt?
Es hilft enorm – aber ich würde es nicht auf „Insiderwissen" im engen Sinne reduzieren. Es geht um etwas Tieferes: ein Verständnis dafür, wie staatliche Stellen denken, wie sie Risiken bewerten, wo ihre roten Linien liegen und – ebenso wichtig – wo sie Spielraum haben, ohne es offen zu sagen. Wer fünfundzwanzig Jahre lang auf der anderen Seite gesessen hat, weiß, welche Argumente intern Gewicht haben, welche Verfahrensschritte taktisch bedeutsam sind und wann ein Angebot ernst gemeint ist. Dieses Wissen lässt sich nicht aus Lehrbüchern herauslesen – es entsteht durch Erfahrung, durch hunderte Verhandlungen, durch das Verstehen institutioneller Logiken. Für meine Mandantinnen und Mandanten bedeutet das: Sie treten dem Staat nicht als Außenstehende gegenüber, sondern mit jemandem an ihrer Seite, der die andere Seite von innen kennt. Das verändert die Ausgangslage – und nicht selten auch das Ergebnis.
Sie kennen jetzt beide Welten von innen. Welche Klischees haben Kanzleien und Staatsdienst übereinander, und an welchem ist am meisten dran?
Klischees gibt es auf beiden Seiten – und beide haben einen Kern Wahrheit, auch wenn sie das Bild verzerren.
Dem Staatsdienst wird gerne nachgesagt, dass man dort gemütlicher arbeitet, weniger Druck hat und es an Effizienz mangelt. Das ist pauschal falsch. Wer je in einer überlasteten Dienststelle gearbeitet hat – und die Justiz ist dafür das eindrücklichste Beispiel –, weiß, dass dort unter erheblichem Druck und mit großer Sorgfalt gearbeitet wird. Was den Richterinnen und Richtern dieses Landes täglich abverlangt wird, verdient Respekt, nicht Klischees.
Das Gegenbild: Kanzleien gelten im Staatsdienst mitunter als rein kommerziell getrieben – als Stellen, wo das Ergebnis dem Mandanten und nicht der Gerechtigkeit dient. Auch das trifft es nicht. Gute Anwaltsarbeit und rechtsstaatliches Denken schließen einander nicht aus – im Gegenteil.
Wenn eine junge Juristin oder ein junger Jurist Sie fragt, ob Staatsdienst oder Kanzlei: Was fragen Sie zurück?
Ich würde nicht nur eine Frage stellen – ich würde mit einer Gegenfrage beginnen, die tiefer geht: Was soll deine Arbeit für dich bedeuten? Denn hinter der Entscheidung zwischen Staatsdienst und Kanzlei stecken eigentlich ganz unterschiedliche Fragen. Willst du Kontinuität und institutionelle Einbettung – oder Dynamik und unternehmerische Freiheit? Willst du für die Allgemeinheit arbeiten, mit allem, was das an Sinnhaftigkeit, aber auch an Einschränkungen mitbringt – oder für den Einzelnen, unmittelbar und greifbar? Wie gehst du mit Hierarchie und Weisungsgebundenheit um? Und – ganz ehrlich – was sind deine Vorstellungen von Lebensqualität, Einkommen und Karriereverlauf? Keiner dieser Wege ist der richtigere. Aber es ist ein Unterschied, ob man in eine Struktur hineinpasst oder sie von Anfang an als Fremdkörper empfindet. Das merkt man früh – und es kostet Energie, wenn man es ignoriert. Meine eigene Erfahrung hat mir gezeigt: Beide Welten haben ihren eigenen Wert. Und wer – wie ich – irgendwann den Schritt von einer in die andere wagt, nimmt das Beste aus beiden mit.
Ihre 25 Jahre bei der Finanzprokuratur werden verfilmt. Wie heißt der Film, und wer spielt Sie?
Der Titel wäre wohl: Im Dienst der Allgemeinheit – klingt nüchterner als ein Actionfilm, trifft es aber ehrlicher. Denn die Arbeit bei der Finanzprokuratur war selten spektakulär im cinematischen Sinne, aber sie hatte ihre eigene Dramatik: komplexe Rechtsfragen, hohe Streitwerte, politisch sensible Materien – und immer die Frage im Hintergrund, ob das Ergebnis dem Steuerzahler gerecht wird.
Blick nach vorn: Welche Schwerpunkte werden Sie bei Tonninger Schermaier & Partner setzen — und welche Mandate begeistern Sie am meisten?
Mein Schwerpunkt liegt an der Schnittstelle zwischen öffentlichem Recht und privatem Interesse. Hier bringe ich meine Erfahrung gezielt ein – von Amtshaftungs- und Verfassungsrecht über Verwaltungs- und Zivilrecht bis hin zu Schadenersatzrecht, Wirtschaftsrecht sowie Spezialmaterien wie Gesundheits- und Feuerwehrrecht.
Besonders begeistern mich Mandate, die komplex sind – nicht im Sinne von schwerfällig, sondern im Sinne von vielschichtig. Fälle, bei denen man nicht nach Schema F vorgeht, sondern wirklich denken muss. Große Streitwerte, ungewöhnliche Rechtsfragen, Verfahren, die Präzedenzcharakter haben könnten. Das ist es, was mich antreibt – und was mich nach fünfundzwanzig Jahren noch immer ans Schreibtischende treibt.
Steckbrief: Persönliche Fragen an Martin Paar
Wo und wie tanken Sie Energie?
Beim Laufen und beim Gassi gehen mit meiner Hündin Leni. Da kann ich den Kopf wirklich abschalten – es ist einer der wenigen Momente, in denen ich nicht beruflich denke.
Welche App ist für Sie unverzichtbar?
Whatsapp (als schnelle und einfache Kommunikationsform) und Scotty (ÖBB-App).
Welches Buch lesen Sie gerade?
Leider zu viele gleichzeitig. Darunter aber auch John Rawls, Eine Theorie der Gerechtigkeit.
Was ist Ihre größte Stärke?
Zuhören und Geduld
Ihr größter Karriere-Learnings in einem Satz ...
Gib niemals auf
Wie lautet Ihr Lebensmotto
Carpe diem