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Interview27.10.202611 Min. Lesezeit

Ohne Startkapital, aber mit Mut: Der Weg in die eigene Kanzlei - Interview mit Rechtsanwältin Mag. Theresa Paulus

Von LawFinder Redaktion · Von Juristen für Juristen

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Eine Kündigung, kein Kundenstock, kein Büro und kein großes Startkapital und trotzdem nur wenige Tage bis zu den ersten eigenen Mandaten. Mag. Theresa Paulus hat den Schritt in die Selbständigkeit nicht jahrelang geplant, sondern ist ins kalte Wasser gesprungen und hat ihre Kanzlei zunächst vom Wohnzimmer aus aufgebaut. Im Interview spricht sie offen darüber, wie der Start tatsächlich aussah, woher die ersten Mandate kamen, welche Fixkosten junge Anwält:innen realistisch einplanen müssen und warum sie viele Mythen rund um die eigene Kanzlei heute deutlich entspannter sieht. Ein Gespräch über Selbständigkeit, Existenzängste, persönliche Beziehungen und darüber, wie wenig es manchmal braucht, um einfach anzufangen.


Fangen wir dort an, wo es wehgetan hat: April 2026, Ihr Vertrag wird von heute auf morgen gekündigt. Was haben Sie in den ersten 24 Stunden danach gemacht?

Ich war erleichtert darüber, die vorige Stelle als Dauersubstitutin hat mir wenig Freude bereitet und damit wurde mir die Entscheidung abgenommen. Ich habe mir dann überlegt, ob ich in der Anwaltsbranche bleiben oder mir einen anderen Job suchen soll. Am Folgetag bin ich auf eine Veranstaltung von ADVOKAT gegangen, um mit anderen Anwälten ins Gespräch zu kommen und mich inspirieren zu lassen. Ich bin nicht wirklich einem Plan gefolgt, sondern habe einfach intuitiv das für mich Richtige gemacht.  

Gegründet haben Sie dann im Wohnzimmer: kein Mandat, keine Anwaltssoftware, keine Visitenkarte, nicht einmal ein Computer. Wie sah Tag 1 der Selbständigkeit und somit der Kanzlei Mag. Theresa Paulus aus?

Eine meiner ersten Aktionen war, dass ich mir eine Lizenz für die Anwaltssoftware Advokat organisiert habe, um Zugang zum elektronischen Rechtsverkehr zu haben - sonst wäre die Arbeit nicht möglich. Außerdem habe ich gleich in den ersten Tagen für einen befreundeten Anwalt eine Verhandlung in Linz substituiert. Dann habe ich eine Website in Auftrag gegeben und meine Domain gekauft. Außerdem habe ich Leute angerufen, die mich zuvor schon wegen rechtlichen Fragestellungen kontaktiert hatten, um ihnen mitzuteilen, dass ich sie von nun an im eigenen Namen und auf eigene Rechnung vertreten kann, ohne dass es über eine andere Kanzlei läuft. Der Anwaltsberuf lebt von persönlichen Beziehungen und Vertrauen. Die Leute, die mich kennen und mir vertrauen, wollen zu mir und nicht zu irgendeiner Kanzlei, bei der sie die dahinterstehenden Personen nicht kennen. Es hat daher nur wenige Tage gedauert, bis ich die ersten Aufträge hatte, vor allem aus dem eigenen Umfeld.

Zwei Wochen nach der Eröffnung wechselt ein Multimillionär mit jahrelanger Gerichtserfahrung von seiner Großkanzlei zu Ihnen. Wie ist dieses Mandat entstanden, und was bringt so jemanden dazu, ausgerechnet eine kleine Einzelanwältin zu beauftragen? 

Ich kannte ihn privat schon lange, wir haben uns eigentlich nur auf einen Kaffee getroffen, weil er kurz davor aus dem Ausland wieder nach Wien gezogen war. Bei der Gelegenheit hat er gemeint, dass sich in einem seiner Unternehmen gerade ein Konflikt anbahnt und er keine Lust hat, wieder viel Geld an einen Anwalt zu bezahlen, der dann ohnehin nie persönlich erreichbar ist und wo jede Korrespondenz über einen anderen Mitarbeiter geht, der nichts selbst entscheiden kann. Als schwerreicher Unternehmer mit Medienpräsenz ist man zudem leichte Beute für diejenigen Anwälte, die nur Dollarzeichen in den Augen haben und sogar Anrufversuche verrechnen. Das mache ich aus Prinzip nicht. Bei mir gibt es keinen Taxameter, der zu laufen beginnt, sobald der Akt berührt wird, ich vereinbare mit meinen Klienten vorab transparent, welche Kosten für welche Leistungen anfallen und daran halte ich mich auch. Das schätzen die Klienten. Genauso wie den Umstand, dass ich alles persönlich mache. Bei Großkanzleien weiß der Klient oft nicht, wer die Schriftsätze wirklich geschrieben hat, außerdem hat man mit wechselnden Ansprechpartnern zu tun, was zu Informationsverlust oder Doppelgleisigkeiten führen kann.

Bezirksgericht, Staatsanwaltschaft, ein Monat Freshfields, Landesrechnungshof Kärnten, Parlament: Auf dem Papier ist Ihr Weg ein Zickzack. Welche Station steckt heute am tiefsten in Ihrer Arbeit als Anwältin, und welche hätten Sie sich im Nachhinein sparen können?

Am wichtigsten waren für mich ganz klar die zweieinhalb Jahre in einer Klagenfurter Anwaltskanzlei. Die meiste Zeit habe ich dort als einzige Konzipientin für vier Anwälte mit verschiedenen Schwerpunkten gearbeitet, dadurch habe ich eine wirklich breite Ausbildung genossen, war sowohl im Strafrecht als auch im Zivilrecht viel verhandeln und konnte gute Praxiserfahrung sammeln. Ich bin aber dennoch über jede berufliche Station froh, beispielsweise versteht man als Anwalt die Behörden besser, wenn man selbst einmal in einer gearbeitet hat. Auch die Zeit im Parlament war sehr interessant. Nicht viele Anwälte können von sich behaupten, in den Gesetzgebungsprozess mancher Gesetze involviert gewesen zu sein. Mitzuerleben, wie Koalitionen entstehen und wie Gesetze gebastelt werden, hilft einem, mit Gesetzen zu arbeiten.

Sie nennen sich selbst eher „provinziell": Anwaltsjahre in Klagenfurt am Wörthersee, und bis heute sitzt ein Teil Ihrer Klienten dort, darunter eine namhafte Hausverwaltung. Was kann Klagenfurt, was Wien nicht kann?

Beide Städte haben ihre Vorteile, von denen ich profitiere. Wien ist mein Hauptstandort und Kanzleisitz, hier gibt es viele Menschen und damit viel zu tun für Anwälte. Klagenfurt hat den Vorteil, dass man erstens schnell die Richter und auch die anderen Anwälte kennt, wenn man dort ein paar Jahre tätig ist. Es spricht sich schnell herum, dass man Anwältin ist, es kommen dann Freunde von Freunden von Freunden, die lieber auf persönliche Beziehungen als auf Onlinepräsenz oder Bekanntheit des Namens setzen. Auch bei den Fortbildungen trifft man immer dieselben Leute, es ist in kleineren Städten einfach alles etwas persönlicher als in der Großstadt. Nichtsdestoweniger bin ich sehr gerne in Wien.

Kundenstock, Startkapital, der Vater mit Kanzlei oder zumindest ein bekannter Name: An den Mythos, dass es ohne all das nicht geht, haben Sie selbst lange geglaubt. Der Preis: ein schlecht bezahltes Dauersubstitutionsverhältnis mit der Ansage, 70 Prozent vom eigenen Umsatz abzugeben. Wer hält diesen Mythos am Leben, und wem nützt er?

In der Anwaltsbranche ist es üblich, dass vor allem Berufseinsteiger zwar am Papier selbständig sind, aber in ständiger Kooperation mit einer Kanzlei stehen, von dieser eine monatliche Pauschale beziehen, inhaltlich weisungsgebunden die Akten der Kanzlei abarbeiten und sogar von selbst akquirierten Mandanten nur 20 bis 40 % des Honorars behalten dürfen. Wenn die Pauschale gut ist, die Arbeitsbedingungen gerecht sind und genug Handlungsspielraum für eigene Entscheidungen und eigene Klienten bleibt, ist dagegen nichts einzuwenden. Es ist jedoch hier Sorgfalt geboten, dass man nicht in ein de facto Arbeitsverhältnis ohne Arbeitnehmerschutz gerät. Und das obwohl man allein für alles haftet, ein Dienstnehmerhaftungsprivileg gibt es für einen Substituten natürlich auch nicht.

Das, was viele an der Kanzleigründung abschreckt, sind die Fixkosten und die Tatsache, dass die wenigsten wissen, wie sie zu Klienten kommen, das wusste ich ja genauso wenig. Seit ich meine Kanzlei gegründet habe, sind mir einige Kolleginnen und Kollegen begegnet, die ähnliche Erfahrungen wie ich gemacht haben. Zuerst unzufrieden im Substitutionsverhältnis, dann der Sprung in die Selbständigkeit und plötzlich die Erkenntnis, dass man es allein schaffen kann. Wer den Mythos am Leben hält? Meines Erachtens unbewusst diejenigen, die sich den Schritt in die Selbständigkeit noch nicht getraut haben und diejenigen, die davon profitieren, nämlich die Kanzleien, die dadurch Arbeitskräfte haben, denen sie nicht einmal Urlaub oder Krankenstand ermöglichen müssen.

Nichts außer Existenzängste, so beschreiben Sie Ihr Startkapital. Drei Wochen später waren die Fixkosten des ersten Monats herinnen. Wann ist die Angst gegangen, und was genau hat sie vertrieben?

Ich hatte nie Angst davor, selbständige Anwältin zu sein, denn es gibt auch andere schöne Berufe. Aber ich hatte tatsächlich keine Ahnung, ob ich wirtschaftlich überlebensfähig bin als Anwältin. Ich habe dann schnell gemerkt, dass man die Fixkosten rasch herinnen hat, solange man keine unnötigen Ausgaben hat. Nicht einmal ein Büro braucht man am Anfang, man kann von zuhause arbeiten und mit Mandanten telefonieren, videotelefonieren oder sich im Kaffeehaus treffen. Derzeit habe ich meine monatlichen Fixkosten meistens schon in der ersten Woche des Monats gedeckt, spätestens in der zweiten. Auf der Einnahmenseite gibt es auch viele Möglichkeiten, auch ohne eigens akquirierte Mandanten etwas zu verdienen, beispielsweise durch den Bereitschaftsdienst oder indem man Verfahrenshilfen für andere Anwälte gegen ein bisschen Kleingeld übernimmt.

Ehrliche Frage: Gäbe es Ihre eigene Kanzlei, wenn man Sie damals nicht gekündigt hätte? Und gibt es ihn überhaupt, den richtigen Zeitpunkt für die Selbständigkeit?

Die Kanzlei hätte ich früher oder später gegründet, es hätte sich nur verzögert. Mir ist es wichtig, eigenverantwortlich Entscheidungen treffen zu können und auch selber zu entscheiden, wen und was ich vertrete. Als selbständige Anwältin kann ich machen, was mir Freude macht: Leuten helfen, ihre Probleme zu lösen. Da ich überwiegend Strafrecht mache, habe ich Klienten mit besonders großen, teilweise existenziellen Problemen.

Zur Frage, ob es einen richtigen Zeitpunkt gibt: Niemand muss sich selbständig machen. Wer in einer Kanzlei gut aufgehoben ist, sich wohl fühlt, gerne in die Arbeit geht und das Betriebsklima genießt, der hat keinen Grund, etwas Eigenes zu starten. Aber wenn jemand, so wie ich, lieber sein eigener Chef ist, würde ich empfehlen: Probiere es einfach aus! Man ist lange genug Konzipient:in, da lernt man in der Regel das Wesentliche. Das Administrative lernt man ohnehin durchs Tun. Und wenn man einmal nicht weiter weiß, kann man andere Anwälte fragen, die meisten sind sehr hilfsbereit.

Seit 2024 laufen Sie auf Instagram als @indubioproresi. Wie viel Resi steckt in der Frau Magister, und was hat der Account der Kanzlei bisher konkret gebracht?

Der Account hat eigentlich als reiner Spaßaccount begonnen, mittlerweile teile ich aber regelmäßig Eindrücke aus meinem Arbeitsalltag. Gelegentlich schreiben mich darüber auch Leute an, die rechtliche Unterstützung brauchen, allerdings ist das nur ein sehr kleiner Teil meiner Kunden. Vielleicht baue ich das irgendwann noch aus, lustig ist es ja.

Reden wir übers Geld: Welche Fixkosten fallen in einer Einzelkanzlei an, und wie dramatisch ist die berüchtigte Kammerumlage von rund 1.500 Euro wirklich?

Es ist weit nicht so dramatisch, wie es sich anhört. Je nach Bundesland beträgt die Kammerumlage, welche zugleich die Pensionsvorsorge ist, um die 1.500 € im Monat. Dazu kommt die verpflichtende Krankenversicherung, welche im Monat zwischen 500 und 600 € kostet, die Haftpflichtversicherung kostet ca. 1.500 bis 2.000 € pro Jahr. Weitere kleinere Fixkostenpositionen sind der Kammerbeitrag, die Kosten für die Software und die Kosten für die verschiedenen Bankkonten, die man braucht. In Summe muss man mit Fixkosten in der Höhe von 2.500 bis 3.000 € pro Monat auf jeden Fall rechnen. Das ist das absolute Minimum für Starter, sobald man ein Büro mietet, kommt da schon mehr dazu.

Braucht es die Adresse im ersten Bezirk, ein Sekretariat und teure Software, damit Klienten eine junge Anwältin ernst nehmen? Oder reicht am Anfang genau das, was Sie hatten: ein Wohnzimmer?

Eine Adresse im 1. Bezirk kann ein Bonus sein, vor allem, wenn man eine spezielle Klientel ansprechen will. Personal kann irgendwann erforderlich sein, wenn man selbst nicht mehr zurecht kommt mit den eigenen Akten. Am Anfang kann man aber auch alles selbst machen, ich kenne erfolgreiche Anwälte, die auch nach zwanzig Jahren Berufserfahrung noch keinen einzigen Mitarbeiter angestellt haben und damit zufrieden sind. Das, was man braucht, ist ein Computer, ein Handy, ein Zugang zum elektronischen Rechtsverkehr, eine Anwaltssoftware (die Kosten hierfür beginnen bei ca. 150 € im Monat) und ein eigenes Briefpapier, alles andere (Domain, Website, Ausstattung, Stempel, Visitenkarten etc…), kann man nach und nach in den ersten Wochen bis Monaten organisieren.

Woher kommen die ersten Mandate dann wirklich? Vom Netzwerk eines Verbandes, zufälligen Bekanntschaften oder über das Internet? 

Von überall. Viele über das private Umfeld, einige über Freunde von Freunden, ein bisschen was über die Website. Eine besonders wichtige Mandantenquelle für Anfänger sind andere Anwälte, die beispielsweise regelmäßig Mandatsanfragen ablehnen und einen weiterempfehlen können.

Andere Kanzleien: Mitbewerb oder Verbündete? Erzählen Sie von der einen Kooperation, die Ihnen bisher am meisten gebracht hat.

Ganz klar: Verbündete. Nichts hat mir am Anfang mehr geholfen, als Verhandlungen zu substituieren für andere Anwälte, ich mache das nach wie vor österreichweit, weil es mir selbst Spaß macht, zur Abwechslung in fremden Causen zu verhandeln. Ich empfehle selbst Berufskollegen weiter, wenn ich eine Anfrage aufgrund des Rechtsgebiets, des Aufwands oder anderen Gründen nicht annehmen möchte.

Umgekehrt werde ich oft von anderen Anwälten empfohlen, da ich als Anwältin im Strafrecht tätig bin und Themengebiete abdecke, die viele Anwälte nicht gerne machen.

Sechs Fremdsprachen stehen in Ihrem Lebenslauf, von Spanisch bis Farsi. In welcher haben Sie schon beraten und welche bereitet Ihnen die größte Freude?

Ich habe immer wieder Klienten aus Afghanistan oder dem Iran, die froh sind, wenn sie jemanden haben, der ihre Muttersprache versteht, wenngleich die Gerichts- und Behördensprache deutsch ist und sich daher auch 90 % meiner Arbeit auf Deutsch abspielt. Aber es ist ein Vorteil, auch andere Sprachen zu können.

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Persönliche Fragen an Mag. Theresa Paulus

Wörthersee oder Donaukanal?
Wer den Donaukanal nicht ehrt, ist den Wörthersee nicht wert.

In dubio pro ...?
Als Strafverteidigerin muss ich den Satz natürlich mit „reo“ beenden und ermahne regelmäßig Richter, sich auch daran zu halten.

Welcher Paragraf gehört ersatzlos gestrichen?
Das gesamte Umsatzsteuergesetz. Wer hat sich bitte ausgedacht, dass von jeder Wurstsemmel ein Stück an den Staat geht?

Klientenanruf am Samstagabend: rangehen oder Mailbox?
Was ist ein Samstag?

Erste Anschaffung vom ersten Honorar?
Kanzleikram, vor allem meinen Erzfeind: den Drucker.

Ihr Lebensmotto?
Für ein einziges Motto ist das Leben dann doch ein bisschen zu abwechslungsreich.

 

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