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Gastbeitrag08.10.20265 Min. Lesezeit

Konzipientenzeit ohne Reue: Wie man die drei Jahre nutzt, statt sie abzusitzen.

Von Mag. Julia Standl · Rechtsanwaltsanwärterin · Jank Weiler Operenyi Rechtsanwälte GmbH | Deloitte Legal

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Die Konzipientenzeit ist eine besondere Phase: Man ist bereits Jurist:in, aber noch nicht Rechtsanwält:in. Man trägt Verantwortung, sammelt Erfahrung und bereitet sich auf die Rechtsanwaltsprüfung vor. Die dreijährige Kernzeit kann schnell vergehen – und gerade deshalb sollte man sie nicht einfach „abarbeiten“, denn die entscheidende Frage lautet: Wo möchte ich am Ende dieser drei Jahre stehen – und welche Art von Jurist:in möchte ich sein?

Mein erster Rat: Fangt nicht erst nach dem Studium an, euch Gedanken über eure Zukunft und mögliche Spezialisierungen zu machen. Wer während des Studiums die Möglichkeit hat, sollte sich verschiedene Praxisbereiche ansehen – durch Praktika, studentische Mitarbeit oder Einblicke in unterschiedliche Kanzleien. Es geht nicht darum, schon mit 24 den perfekten Karriereplan zu haben, sondern darum, möglichst schnell herauszufinden, was einem liegt – und was nicht.

Ich selbst bin als Konzipientin in einem ganz anderen Rechtsgebiet gestartet als dem, in dem ich heute arbeite. Rückblickend war das sehr wertvoll. Ich habe unterschiedliche Denkweisen, Arbeitsmethoden und Perspektiven kennengelernt und sehe mich heute eher als Generalistin.

Nicht jedes Rechtsgebiet muss „das Eine“ sein

Man muss also nicht zwingend am ersten Tag der Konzipientenzeit bereits wissen, wo man fünf oder zehn Jahre später stehen möchte. Gerade am Anfang besteht manchmal der Eindruck, man müsse sich möglichst schnell positionieren. Natürlich ist Spezialisierung sinnvoll und wichtig. Aber sie muss nicht sofort passieren.

Der Anfang der Konzipientenzeit – vor allem das erste Konzipientenjahr – bietet die Möglichkeit, verschiedene Bereiche auszuprobieren und ein solides Fundament aufzubauen. Interessen verändern sich – was im Studium spannend klingt, muss im Berufsalltag nicht automatisch Freude machen. Und umgekehrt kann ein Rechtsgebiet, das man kaum beachtet hat, plötzlich genau das Richtige für einen sein. Deshalb gilt: Man darf seine Meinung ändern. Ein Wechsel des Rechtsgebietes ist nie ein Scheitern, sondern eine Chance. Gerade am Anfang sollte man nicht zögern, zu wechseln, wenn man feststellt, dass einem das Rechtsgebiet nicht liegt oder gefällt. Denn ein Wechsel wird umso schwieriger, je weiter die Ausbildung voranschreitet.

Die Kanzleigröße ist nicht nebensächlich

Eine weitere Frage, die man sich bei der Wahl der Ausbildungskanzlei stellen sollte, ist die der richtigen Kanzleistruktur und welche davon am ehesten zu einem selbst passt.

Großkanzlei, mittelständische Kanzlei oder kleine Einheit – keine dieser Varianten ist automatisch besser, sondern eine reine Typussache. In einer kleineren Kanzlei kommt man oft früh mit unterschiedlichen Rechtsgebieten und Mandant:innen in Berührung und übernimmt schneller Verantwortung. In einer größeren Kanzlei gibt es spezialisierte Teams, vielfach komplexe Mandate und die Möglichkeit, tief in bestimmte Materien einzutauchen und sich aktiv im Team einzubringen.

Was bei der richtigen Kanzleiwahl aber oft unterschätzt wird: Die Kolleg:innen und das unmittelbare Arbeitsumfeld sind vielleicht der wichtigste Faktor. Man kann im spannendsten Rechtsgebiet arbeiten – wenn das Team nicht passt, wird es schwer, sich wohlzufühlen und zu wachsen. Von wem man lernt, mit wem man zusammenarbeitet und wie der tägliche Umgang miteinander ist – das prägt die eigene Entwicklung oft mehr als das Fachgebiet selbst. Deshalb achtet bei der Wahl der Kanzlei nicht nur auf den Namen oder das Rechtsgebiet, sondern vor allem auf die Menschen, mit denen ihr jeden Tag zusammenarbeitet.

Die juristische Ausbildung ist anspruchsvoll, und es wird Phasen geben, in denen viel Arbeit anfällt. Aber man sollte sich nicht einreden, dass möglichst viele Arbeitsstunden automatisch Engagement bedeuten. Langfristig zählt, wer verlässlich gute Arbeit im Team leistet und sich fachlich wie persönlich weiterentwickelt.

Die entscheidende Frage ist daher nicht: „Welche Kanzlei ist objektiv die beste?“ Sondern: „Welche Struktur und welches Team passt zu mir?“

Nicht nur arbeiten – bewusst lernen

Neben der Wahl des Rechtsgebietes und der passenden Kanzleistruktur ist eine weitere Hürde die der persönlichen Weiterentwicklung. Eine der größten Fallen der Konzipientenzeit ist nämlich, dass man relativ schnell gut darin wird, abzuarbeiten – und plötzlich ist man eintragungsfähig. Wer immer nur Zuarbeit leistet, wird gut im Zuarbeiten – aber nicht darin, einen Akt selbstständig zu führen. Deshalb sollte man aktiv nach Verantwortung fragen, für sich selbst die Initiative ergreifen und überlegen, wie man an einen Fall gerne herangehen und ihn eigenständig beurteilen würde. So wächst die Selbstständigkeit Schritt für Schritt.

Ebenso wichtig ist es, aktiv Feedback einzufordern. Oftmals wartet man darauf, dass der Chef oder der zuständige Partner von sich aus sagt, was gut oder weniger gut an einem Arbeitsergebnis war. Das passiert im Kanzleialltag aber selten von allein. Kurze Fragen wie „Was hätte ich besser machen können?" oder „Was sollte ich beim nächsten Mal mehr beachten?" zeigen keine Unsicherheit, sondern Professionalität und Engagement.

Denn neben den klassischen Fähigkeiten wie Schriftsätze und Verträge zu schreiben, gibt es vieles, was im Studium kaum vermittelt wird: Allem voran Kommunikation und Organisation. Kann ich komplizierte juristische Fragen verständlich erklären? Habe ich meine Fristen, Termine und Aufgaben im Griff?  Was ist dringend und was kann warten?  Verstehe ich, welches wirtschaftliche oder persönliche Problem hinter der juristischen Frage steht? Und nicht zuletzt: Kann ich mit Druck umgehen, ohne dass die Qualität leidet?

Wer all diese Fragen mit „Ja“ beantworten kann, ist auf einem guten Weg zu einer erfolgreichen und spannenden Konzipientenzeit.

Die Konzipientenzeit als Ausbildungsphase begreifen

Vielleicht ist dieser letzte Rat der wichtigste Rat, den ich jungen Kolleg:innen mitgeben würde: Seht die Konzipientenzeit nicht nur als Pflichtzeit vor der Rechtsanwaltsprüfung. Seht sie als Zeit, in der ihr das Fundament für eure gesamte Karriere legt.

Probiert aus, fragt nach, geht zu Verhandlungen, sprecht mit Mandant:innen und vor allem bleibt engagiert und wissbegierig. Und achtet am meisten darauf, welche Aufgaben euch Energie geben und welche euch dauerhaft Energie nehmen. Denn nur so kann man seine Motivation und damit die Freude am Job beibehalten.

Am Ende sollten die drei Jahre Kernzeit nicht nur dazu geführt haben, dass man Praxiszeit absolviert und die Prüfung bestanden hat. Idealerweise weiß man danach genau, wer man als Jurist:in sein möchte – ob Spezialist:in oder Generalist:in, in einer großen Kanzlei oder einer kleinen.

Die Konzipientenzeit muss nicht perfekt geplant sein. Aber sie sollte bewusst genutzt werden. Denn die Konzipientenzeit ist zwar schnell vorbei, aber dennoch lang genug, um sehr viel zu lernen – sowohl über den Job als auch über sich selbst.

Foto von Mag. Julia Standl

Mag. Julia Standl

Rechtsanwaltsanwärterin · Jank Weiler Operenyi Rechtsanwälte GmbH | Deloitte Legal

Julia Standl studierte Rechtswissenschaften an der Universität Wien und legte im Juli 2025 die Rechtsanwaltsprüfung ab. Vor Jank Weiler Operenyi | Deloitte Legal Österreich hat sie bereits mehrere Jahre Berufserfahrung bei verschiedenen nationalen Rechtsanwaltskanzleien sammeln können.
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