Zwischen Milliarden-Transaktionen und wissenschaftlicher Tiefenschärfe: Der Karriereweg von Dr. Stanek
Steuerrecht gilt vielen als komplex, zahlengetrieben und wenig spektakulär. Dr. Stanek zeigt eindrucksvoll, wie strategisch, gestaltend und unternehmerisch dieses Fachgebiet tatsächlich ist. Heute ist er Partner bei DLA Piper und leitet die österreichische Steuerrechtspraxis. Sein Arbeitsalltag umfasst internationale Transaktionen im Milliardenbereich, hochspezialisierte M&A-Strukturen und die Beratung global agierender Mandanten und Mandantinnen.
Sein Weg dorthin war jedoch keineswegs von Anfang an vorgezeichnet. Vom ursprünglich angestrebten Schwerpunkt im Wettbewerbs- und Kartellrecht über ein prägendes Sommerpraktikum bis hin zur in Österreich seltenen Doppelqualifikation als Rechtsanwalt und Steuerberater steht seine Karriere für fachliche Neugier, klare Entscheidungen und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.
Im Interview spricht Dr. Stanek über prägende Schlüsselmomente, die Bedeutung interdisziplinärer Expertise und darüber, wie man auch unter hohem Druck präzise bleibt. Er erklärt, warum internationale Großkanzleien mehr verlangen als nur exzellentes Fachwissen und weshalb gerade das Steuerrecht ambitionierten Nachwuchsjuristinnen und Nachwuchsjuristen außergewöhnliche Perspektiven eröffnet. Ein Gespräch über strategische Weichenstellungen, akademische Tiefe und die Kunst, Karriere bewusst zu gestalten.
Herr Dr. Stanek, Sie sind Partner bei DLA Piper und leiten die österreichische Steuerrechtspraxis - wie sah Ihr persönlicher Weg dorthin aus? Gab es Schlüsselmomente, die Ihre Karriere besonders geprägt haben?
Mein ursprünglicher Fokus während des Studiums war auf eine anwaltliche Karriere gerichtet. Ich hatte mich im Studium für Wettbewerbs- und Kartellrecht interessiert. Im Zuge eines Sommerpraktikums bei EY in Salzburg lernte ich dann das Steuerrecht von seiner praktischen Seite kennen und war von den Gestaltungsmöglichkeiten und dem Einfluss auf wirtschaftliche Entscheidungen beeindruckt. Ich bin dann beim Steuerrecht geblieben und habe nach wenigen Jahren erkannt, welche Möglichkeiten die Verbindung von Steuer- und Gesellschaftsrecht in der Beratungspraxis bieten. Der Weg in die Anwaltei war danach ein logischer.
Was hat Sie ursprünglich dazu bewegt, sowohl das Studium der Rechtswissenschaften als auch die Steuerberaterausbildung zu absolvieren? Und wie hat Ihnen diese Doppelqualifikation im Laufe Ihrer Karriere geholfen?
Ich hatte während dem Studium der Rechtswissenschaften keinerlei Ambitionen in die Steuerberatung zu gehen. Erst danach wurde die Steuerberaterprüfung für mich ein Thema. Die in Österreich eher seltene, weil sehr aufwändige, Doppelqualifikation ist besonders dann interessant, wenn man tatsächlich Materien übergreifend arbeitet, so wie ich im Bereich der M&A und Umgründungen, die sich durch eine besondere Verschränkung von Gesellschafts-, Bilanz-, und Steuerrecht auszeichnen.
Sie haben früh Verantwortung übernommen und eine internationale Praxisgruppe mit aufgebaut. Welche Kompetenzen braucht es aus Ihrer Sicht, um in einer internationalen Großkanzlei langfristig erfolgreich zu sein?
Das Arbeiten in internationalen Großkanzleien erfordert ein hohes Maß an Einsatzbereitschaft und Teamfähigkeit. Denn es sind vor allem die großen grenzüberschreitenden Transaktionen und Projekte, die die Arbeit einer internationalen Praxisgruppe bestimmen und bei diesen arbeitet man in großen grenzüberschreitenden Teams, über viele Jurisdiktionen und Zeitzonen hinweg, zusammen. Neben den hohen zeitlichen Anforderungen verlangen diese Projekte ein besonderes Maß an Kommunikation und Kollaboration der grenzüberschreitenden Teams um erfolgreich zu sein. Über die zweifelsohne erforderlichen fachlichen Kompetenzen hinaus, sind es daher vor allem kommunikative Fähigkeiten und der Wille Verantwortung zu übernehmen, die über den persönlichen Erfolg entscheiden.
Wie Sie schon sagten bewegen sich Ihre Projekte oft im Milliardenbereich und betreffen komplexe, grenzüberschreitende Transaktionen. Wie gelingt es Ihnen, bei solchen Dimensionen den Überblick zu behalten und auch unter Druck präzise zu bleiben?
Der Umgang mit einer solchen Verantwortung erfordert Kompetenz und Resistenz. Man muss in der Lage sein, die Dinge fachlich zu verstehen und beurteilen zu können. In einer umfassenden Materie wie der steuerlichen Beurteilung von komplexen grenzüberschreitenden Transaktionen dauert es mitunter viele Jahre, bis man diese Kompetenz erworben hat.
Der zweite wichtige Aspekt ist ausreichend Zeit und Ruhe für diese fachliche Beurteilung zu haben. Das ist aufgrund des Zeitdrucks von Transaktionen nicht immer einfach und dafür muss man als Anwalt oder Steuerberater kämpfen. Wenn man diese Kompetenz erworben hat und versteht dem Drängen von Mandantinnen und Mandanten nicht zu leichtfertig nachzugeben, nimmt man diesen Druck in Form von Verantwortung wahr und nimmt sie gerne an.
Welche Entwicklungen beobachten Sie aktuell im internationalen Steuerrecht, insbesondere im Bereich M&A? Gibt es Trends, die junge Jurist:innen im Blick haben sollten?
Wir beobachten seit Jahren einen Trend weg von aggressiven Steuergestaltungen hin zu möglichst hoher steuerlicher Transaktionssicherheit. Es geht nicht mehr um jeden Preis darum Steuern zu vermeiden, sondern sie einschätzen und einpreisen zu können. Dieser Trend führt dazu, dass mehr und mehr Transaktionen und Umgründungen versichert werden. Dabei übernimmt eine Versicherung das Risiko des Anfalls einer Steuer, sollte sich die rechtliche Einschätzung nicht bewahrheiten. Diese Nische hochspezialisierter Versicherungsbroker und Versicherungen ist für junge Jurist:innen hoch interessant, weil sie eine unglaublich spannende und lukrative Alternative zu Kanzlei und Private Equity darstellen, die es vor wenigen Jahren in diesem Ausmaß in Europa nicht gab.
Sie arbeiten eng mit Private Equity-Gruppen, multinationalen Konzernen und Asset-Management-Firmen. Wie unterschiedlich sind deren steuerliche Herausforderungen und wie individuell ist Ihre Beratung jeweils?
Die steuerlichen Herausforderungen sind sehr stark von der Organisation, der Struktur, dem Businessmodell und dem Marktumfeld abhängig. Wer hier hochspezialisiert und maßgeschneidert beraten möchte, muss die Branchen und Geschäftsmodelle seiner Mandanten sehr gut verstehen.
Sie publizieren regelmäßig zu Spezialthemen im Steuerrecht und unterrichten an mehreren Universitäten. Welche Rolle spielt die wissenschaftliche Auseinandersetzung für Ihre Praxis und umgekehrt?
Die beiden Bereiche befruchten sich gegenseitig. Die Praxis liefert spannende Beispiele und Konstellationen, die sich in Wissenschaft und Lehre aufarbeiten lassen und umgekehrt bietet die Wissenschaft die Möglichkeit sich mit den dort auftretenden Fragen in vertiefter und allgemeinerer Weise auseinanderzusetzen.
Gerade das Umgründungssteuerrecht gilt als besonders anspruchsvoll. Was reizt Sie persönlich an dieser Materie und was macht eine gute Steuerstrukturierung aus?
Das Umgründungssteuerrecht bietet eine Dimension der aktiven Gestaltung von Strukturen, die über die reinen zivilrechtlichen Möglichkeiten hinausgehen. Hier kann man der Klientin, dem Klienten mit dem notwendigen Fachwissen und Verständnis für die Grenzen steuerlicher Gestaltungen betriebswirtschaftlich sinnvolle Strukturänderungen ermöglichen.
Viele Nachwuchsjurist:innen scheuen sich vor dem Steuerrecht, weil es als "trocken" oder "zu zahlenlastig" gilt. Was entgegnen Sie diesem Vorurteil und was fasziniert Sie bis heute an Ihrem Fachgebiet?
Das Steuerrecht verbindet juristische Gesetzesauslegung mit betriebswirtschaftlichen Überlegungen wie keine andere Materie. Diese interdisziplinäre Verschränkung erfordert ein Maß an Grundlagenwissen wie kaum eine andere Disziplin, bevor man in der Lage ist sie in all ihren Dimensionen zu verstehen. Dabei schreckt den Juristinnen und Juristen die "Zahlenlastigkeit" und den Betriebswirt das "trockene juristische" auf den ersten Blick oft ab. Es ist aber gerade diese Mehrdimensionalität, die das Fachgebiet faszinierend macht, sobald es sich einem erschlossen hat.
Sie sind in einer Vorbildfunktion - was raten Sie jungen Talenten, die eine vergleichbare Doppelqualifikation anstreben oder sich in einer Großkanzlei profilieren möchten?
Die Doppelqualifikation, in Österreich eher selten und daher für viele beeindruckend, ist keine Voraussetzung für eine Karriere in einer Großkanzlei oder in einem speziellen steuerlichen Spezialgebiet. Wer diese anstrebt, sollte es tun, weil er oder sie spezielle juristische Teilbereiche mit einem steuerlichen Fokus ausüben möchte und die Doppelqualifikation dies ermöglicht oder erleichtert. Entscheidender als die Doppelqualifikation selbst ist aber gerade dieser Fokus und diese Verbindung.
Herr Dr. Stanek, Ihre Praxisgruppe betreut Mandantinnen und Mandanten auf höchstem Niveau - wächst Ihr Team aktuell weiter, und gibt es offene Positionen für Berufseinsteiger:innen oder erfahrene Kolleg:innen, die sich spezialisieren möchten?
Wir sind auf allen Ebenen, von dem:der Sommerpaktikant:in bis zum Senior Associate daran interessiert qualifizierte und motivierte Menschen kennenzulernen, die sich für das Thema begeistern können.
Wenn Sie heute auf Ihren bisherigen Karriereweg zurückblicken - gibt es eine Entscheidung, auf die Sie besonders stolz sind? Oder ein Projekt, das Ihnen persönlich in Erinnerung geblieben ist?
Eine Entscheidung die sich für mich persönlich als sehr richtig und bereichernd erwiesen hat, war kurz vor dem Ablegen der Steuerberaterprüfung an das Institut für Finanzrecht der Universität Salzburg zu wechseln und dort eine Stelle als Prae-Doc Assistent anzunehmen. Die vier Jahre dort haben mir die Möglichkeit gegeben mich mit ungemeiner Freiheit wissenschaftlich mit dem Steuerrecht zu beschäftigen. Die daraus gewonnenen Einsichten und Fertigkeiten beeinflussen meine Tätigkeit bis zum heutigen Tag maßgeblich.
Vielen Dank für diesen tollen Einblick in das Steuerrecht und natürlich in Ihren persönlichen Werdegang. Wir wünschen weiterhin viel Erfolg und Freude.
Steckbrief: Persönliche Fragen an Philipp Stanek
Wo und wie tanken Sie Energie?
Auf Reisen.
Welches Buch lesen Sie gerade?
Andrew Ross Sorkin's "1929", ein hochinteressanter Einblick hinter die Kulissen und in die Köpfe der maßgeblichen Charaktere der Finanz- und Wirtschaftskrise die im Jahr 1929 in den USA ihren Ausgang nahm.
Welche App nutzen Sie am häufigsten - und welche ganz bewusst nicht?
In den letzten beiden Jahren wohl LinkedIn. Ich nutze bewusst keine Apps wie TikTok oä
Ihre größte Stärke?
Von anderen wird mir oft eine gewisse Begabung attestiert Dinge sehr gut erklären zu können.
