Im Gespräch mit Ass.-Prof. Dr. Marlon Possard
Künstliche Intelligenz verändert nicht nur unsere Technologien – sie stellt auch unser Werteverständnis, unsere Rechtssysteme und unser gesellschaftliches Miteinander auf die Probe. Was geschieht, wenn Algorithmen über Menschen entscheiden? Und reicht Recht allein aus, um diese Entwicklungen sinnvoll zu steuern?
Ass.-Prof. Dr. Marlon Possard bewegt sich genau an dieser kritischen Schnittstelle: Als Leiter des Departments für KI & Ethik an der Sigmund Freud PrivatUniversität Wien und Berlin, als Wissenschaftler an der University of Applied Sciences Campus Vienna und Autor des Buches „MORALgorithmus“ plädiert er für eine Ethik, die nicht bloß dekorativ bleibt, sondern als strategische Kompetenz verstanden wird – insbesondere im juristischen Kontext. Im Interview spricht er über verantwortungsvolle Codierung, systemische Verwaltungsethik und warum Mut zur Haltung für junge Jurist:innen wichtiger denn je ist.
Ihr Weg führte Sie über Innsbruck, Wien und London bis nach Harvard. War Ethik von Beginn an Ihr persönlicher Kompass – oder gab es einen Moment, in dem Sie bewusst die Entscheidung für die Schnittstelle von Recht, KI und Ethik getroffen haben?“
Ethik war tatsächlich von Beginn an eine Art „Kompass“ für mich, auch wenn ich das anfangs noch nicht so benannt hätte. Während meiner juristischen Ausbildung hat mich weniger die reine Dogmatik interessiert als die Frage, warum wir Recht so gestalten, wie wir es gestalten – und wem es letztlich dient. Der bewusste Fokus auf die Schnittstelle von Recht, KI und Ethik kam dann mit der intensiveren Beschäftigung mit algorithmischen Systemen: Dort wurde mir klar, dass klassische juristische Instrumente allein nicht (mehr) ausreichen, um die normativen Herausforderungen digitaler Technologien tatsächlich zu erfassen.
Wie gestaltet sich ein typischer Arbeitstag in Ihrer Rolle als Leiter des Departments für KI & Ethik an der SFU?
„Typisch“ ist eigentlich nur die Vielfalt. Mein Alltag bewegt sich zwischen Forschung, Lehre, institutioneller Aufbauarbeit, Projektbeteiligung und Beratung. All das geschieht häufig an der Schnittstelle zum Rektorat. Vormittags arbeite ich häufig konzeptionell oder wissenschaftlich, nachmittags stehen Lehrveranstaltungen, Meetings mit interdisziplinären Teams oder Gespräche mit Praxispartner:innen an. Besonders wichtig ist mir dabei der Austausch zwischen Recht, Technik und Sozialwissenschaften – genau dort entsteht für mich ein ganz spezieller Mehrwert. Ansonsten tausche ich mich regelmäßig mit meinen Mitarbeiter:innen aus. Ich bin in der glücklichen Situation, ein Team von rund fünf freien wissenschaftlichen (Projekt-)Mitarbeiter:innen leiten zu dürfen. Natürlich bin ich da auch in meiner Rolle als Vorgesetzter.
Was macht Ethik gerade heute – inmitten von Informationsflut und Automatisierung – zu einem so drängenden Thema, auch für Jurist:innen?
Weil Entscheidungen zunehmend vorstrukturiert oder automatisiert werden, ohne dass ihre normativen Voraussetzungen transparent sind. Jurist:innen arbeiten traditionell mit Regeln, Zuständigkeiten und Verfahren, aber KI-Systeme bringen implizite Wertungen mit, die sich nicht unmittelbar im Gesetzestext finden. Ethik hilft hier, diese verborgenen Annahmen sichtbar und vor allem (gesellschaftlich) diskutierbar zu machen.
In Ihrem Buch „MORALgorithmus“ (Urban Future Edition Verlag, Wien 2025) sprechen Sie von „verantwortungsvoller Codierung“. Was meinen Sie konkret – und warum ist Technik nie neutral?
Verantwortungsvolle Codierung bedeutet, dass normative Entscheidungen nicht ausgelagert oder verschleiert werden, sondern bewusst reflektiert und dokumentiert sind. Technik ist nie neutral, weil sie immer Ergebnisse priorisiert, Kategorien bildet und ja – auch Ausschlüsse produziert. Diese Entscheidungen werden von Menschen getroffen – oder zumindest vorgegeben. Verantwortung beginnt dort, wo wir das auch wirklich anerkennen.
Zwischen Regulierung und Verantwortung: Wo sehen Sie die Grenze zwischen rechtlicher Normierung und ethischer Orientierung – speziell im Umgang mit KI?
Recht setzt für mich Mindeststandards, die Ethik hingegen fragt nach dem „Guten“ jenseits des rechtlich Zulässigen. Die Grenze liegt dort, wo Regulierung notwendigerweise abstrakt bleiben muss, während ethische Orientierung kontextsensitiv ist. Gerade bei KI brauchen wir beides: Einerseits klare rechtliche Leitplanken (die bestenfalls von den Normadressat:innen verstanden werden), andererseits eine Kultur der Verantwortung, die nicht erst bei Rechtsverstößen ansetzt.
Braucht es aus Ihrer Sicht eine „ethische Grundausbildung“ für Jurist:innen – jenseits von Dogmatik und Technik?
Ja, unbedingt! Jurist:innen treffen täglich Entscheidungen mit erheblicher gesellschaftlicher Wirkung. Eine ethische Grundausbildung schärft das Bewusstsein für diese Verantwortung und stärkt die Fähigkeit zur normativen Reflexion. Es geht nicht um „Moralpredigten“, sondern um professionelle Urteilskraft. Das fordert nun auch der EU AI Act, also die KI-Verordnung, explizit ein.
Ihre Publikation „Verwaltungsethik im Fokus“ (Facultas Verlag, Wien 2025) stellt die ethische Reflexion im öffentlichen Dienst ins Zentrum. Worin liegt aus Ihrer Sicht die größte Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit?
Die größte Lücke liegt weniger im fehlenden Problembewusstsein als in strukturellen Rahmenbedingungen. Viele Bedienstete wollen verantwortungsvoll handeln, stoßen aber auf Zeitdruck, Hierarchien und Zielkonflikte. Verwaltungsethik muss daher systemisch gedacht werden, nicht nur individuell. Und wichtig ist: Die Führung bestimmt letztlich auch die Kultur.
Ihr Blog Possard. | RECHT.ethisch., der in Kooperation mit dem Facultas Verlag betrieben wird, wird stark rezipiert. Was motiviert Sie, komplexe Inhalte für ein breites Publikum zugänglich zu machen?
Ehrlich gesagt: Ich bin selbst überrascht, wie viele positive Rückmeldungen der Verlag und meine Wenigkeit betreffend die Beiträge auf meinem Blog erhalten und wie viele Leser:innen der Blog bereits zählt. Die Beiträge lesen etwa Richter:innen des Obersten Gerichtshofs ebenso gerne wie einfache Bürger:innen, die sich für Recht und Ethik interessieren. Das spornt mich an, denn Rechtsethik betrifft uns schlussendlich alle. Ich bin ernsthaft davon überzeugt, dass rechtlich-ethische Fragen nicht einfach so im Elfenbeinturm bleiben dürfen. Ja, auch die Digitalisierung betrifft uns alle. Wenn ich dazu beitragen kann, komplexe Zusammenhänge verständlich und anschlussfähig zu machen, sehe ich das als Teil meiner wissenschaftlichen Verantwortung.
Blog „Possard. | RECHT. ethisch.“
Sie erleben den transatlantischen Diskurs zur KI-Regulierung hautnah. Was können Europa und die USA in Sachen Ethik voneinander lernen?
Europa kann von der US-amerikanischen Innovationsdynamik lernen, die USA von der europäischen Sensibilität für Grundrechte und soziale Auswirkungen. Ethik entsteht zuallererst im Dialog – und eben nicht durch moralische Überlegenheit. Gegenseitiges Lernen ist dabei zentral.
Sie engagieren sich in der Extremismusprävention. Welche Rolle spielt Ethik in digitalen Räumen, die Polarisierung oft eher verstärken als mindern?
Ethik bietet hier einen Gegenpol zur reinen Aufmerksamkeitsökonomie. Digitale Räume sind nicht naturgegeben, sondern gestaltet. Die Frage dahingehend ist, ob wir Polarisierung als einen „Kollateralschaden“ akzeptieren oder Verantwortung für die sozialen Effekte digitaler Kommunikation übernehmen. Das ist jedenfalls ein herausforderndes Terrain, sowohl für die wissenschaftliche Auseinandersetzung damit als auch für die Praxis.
Ihre wissenschaftliche und gesellschaftliche Aktivität ist beeindruckend vielfältig. Was treibt Sie persönlich an – jenseits der Forschung?
Interdisziplinarität hat mich schon immer fasziniert und daher kommt wohl auch die Vielfalt. Mich treibt die Überzeugung an, dass Wissenschaft gesellschaftlich wirksam sein sollte. Ich empfinde es als Privileg, mich mit diesen Fragen beschäftigen zu dürfen, aber auch als Verpflichtung, dieses Wissen wirksam einzubringen.
Warum sollten gerade junge Jurist:innen Ethik nicht als „Add-on“, sondern als strategische Kompetenz verstehen?
Diese Frage stellen mir immer häufiger auch jene Student:innen, die kurz vor ihrem Abschluss stehen und die ich – guten Gewissens – in die Welt der Praxis „entlassen“ kann. Ich antworte dann meist in etwa: Weil ethische Urteilskraft zunehmend darüber entscheidet, ob juristische Expertise relevant bleibt. Wer komplexe Interessenslagen reflektieren kann, ist besser gerüstet für Führungsrollen – gerade im Zeitalter der digitalen Transformation.
Was wünschen Sie sich von der nächsten Jurist:innengeneration im Umgang mit KI – Mut zur Haltung, technisches Verständnis oder ethische Tiefe?
Idealerweise alles drei. Wenn ich mich aber entscheiden müsste, dann Mut zur Haltung. Technik kann man lernen und Gesetze kann man nachschlagen – eine reflektierte Haltung aber muss man entwickeln. Und das kann oft harte Arbeit sein.
Vielen Dank, Herr Dr. Possard, für das aufschlussreiche Gespräch und Ihre inspirierenden Einblicke in die Schnittstelle von Recht, Ethik und Technologie. Ihre Perspektiven zeigen eindrucksvoll, warum es gerade heute eine reflektierte Haltung braucht – und wie Jurist:innen dazu beitragen können, digitale Entwicklungen verantwortungsvoll mitzugestalten.
Steckbrief: Persönliche Fragen an Marlon Possard
Wo und wie tanken Sie Energie?
Am besten beim Lesen abseits von Bildschirmen oder bei langen Spaziergängen. Aber idealerweise dort, wo Denken (wieder) langsamer wird. Aber das ist für mich nicht ganz so leicht, weil Wissenschaft für mich Berufung ist – und eben kein klassischer Beruf.
Welches Buch lesen Sie gerade?
Aktuell lese ich das wohl bekannteste Werk des von mir sehr geschätzten französischen Philosophen Michel Foucault. Auch wenn ich es schon oft studiert habe, fasziniert es mich immer wieder aufs Neue: „Überwachen und Strafen: Die Geburt des Gefängnisses“ (1975). Foucault untersucht darin, wie sich Machtstrukturen in der Gesellschaft verändert haben (speziell die Entwicklung von Bestrafungssystemen). Er zeigt auf, wie Disziplin, Überwachung und Kontrolle im modernen Gefängnis zur Regulierung von Individuen eingesetzt werden. Das Werk ist auch heute wichtig, weil es hervorhebt, wie Überwachung und soziale Kontrolle nicht nur in Gefängnissen, sondern in vielen Bereichen unseres Alltags wirken – von digitalen Medien bis hin zu staatlicher Überwachung.
Welche App nutzen Sie am häufigsten – und welche ganz bewusst nicht?
Kalender- und Notiz-Apps sind für mich als Wissenschaftler und Hochschullehrer unverzichtbar. Auf Social-Media-Apps verzichte ich so weit wie möglich (ich habe zum Beispiel kein Instagram, Twitter/X, TikTok oder Snapchat).
Ihre größte Stärke?
Die Fähigkeit, vernetzt zu denken und komplexe Fragen dennoch ruhig zu reflektieren – selbst dann, wenn es darauf keine einfachen Antworten gibt.