"KI wird dich ersetzen!" – Diese Behauptung hält sich in den letzten Jahren hartnäckig. Spätestens seit der breiten Verfügbarkeit leistungsstarker Sprachmodelle ist die Diskussion darüber entbrannt, wie sicher oder zukunftsfähig der juristische Beruf eigentlich noch ist. Doch so einfach, wie es der Satz verspricht, ist die Lage nicht. Ja, KI verändert den juristischen Beruf tiefgreifend. Aber nein: Sie ersetzt keine Jurist:innen; sie ersetzt nur jene, die KI nicht kompetent einsetzen können. Doch welche Fähigkeiten müssen Jurist:innen heute mitbringen?
zArt 4 KI-VO verpflichtet Anbieter und Betreiber von KI-Systemen nach besten Kräften Maßnahmen umzusetzen, damit ihr Personal und sonstige von ihr beauftragte Personen über ausreichende Kenntnisse und Fähigkeiten des sachkundigen KI-Einsatzes verfügen. Dazu zählen selbstverständlich neben Rechtsabteilungen in Unternehmen, Ministerien, Gerichte und Behörden auch Rechtsanwaltskanzleien, die KI-basierte Legal-Tech-Produkte im juristischen Alltag nutzen. KI-Kompetenz umfasst drei Ebenen: Es geht sohin um Fähigkeiten (zB praktische Fertigkeiten, wie Anwendung, Prompting und Überwachung von KI-Systemen), Kenntnisse (zB theoretisches Wissen, Einsatzzweck, Fähigkeiten und Grenzen und Gefahrenpotenzial eines KI-Systems) und Verständnis (zB kritisches Denken, digitale Grundkompetenzen, Reflexion und Verständnis des Gesamtkontext). Wie wichtig ein Verständnis im Umgang mit der Technologie ist, verdeutlichen insbesondere die Fachdisziplinen. Es ist nicht ausreichend, prompten zu können. Es ist wichtig, zu wissen, welchen Output man sich erwartet, wie man diesen interpretiert und wieweit man sich darauf verlassen kann. Der Einsatz erfordert daher viel Fachwissen. Es geht nicht darum, irgendein Tool zu bedienen, sondern zu verstehen, welchen Output man warum erhält und wie weit man ihm trauen darf. Richtig eingesetzt kann KI bei Recherche, Entwurfserstellung oder Due Diligence enorm entlasten. Ohne Fachwissen wird sie dagegen zum Risiko. Wer juristisches Fachwissen mit KI‑Kompetenz verbindet, sichert sich klare Wettbewerbsvorteile. KI‑Know-how wird zum festen Bestandteil des juristischen Anforderungsprofils und ersetzt klassische „EDV-Kenntnisse“ als neue Basiskompetenz.
Die entscheidenden Eigenschaften guter Jurist:innen – analytisches Denken, Auslegungskompetenz, strukturiertes Arbeiten und Erfahrung – bleiben auch im KI-Zeitalter unverändert. Doch die Werkzeuge, mit denen dieses Handwerk ausgeübt wird, haben sich grundlegend verändert. Künstliche Intelligenz nimmt Jurist:innen nicht das Denken ab, sie verändert aber unseren modus operandi, also die Art und Weise wie wir zu Ergebnissen gelangen. Die Grundlage jeder fundierten Rechtsberatung bleibt: umfassende Recherche, ausgeprägten Rechtsverständnis und Berufserfahrung. Gerade deshalb ist die Modernisierung der juristischen Ausbildung unerlässlich. Die Anforderungen haben sich weiterentwickelt – und mit ihnen das Kompetenzprofil, das moderne Jurist:innen benötigen. Zum Skill-Set eines modernen Juristen gehören heute uE mindestens folgende Kompetenzen:
Kenntnis von Grundkonzepten der KI-Technologien;
Bewusstsein für typische Risiken und Grenzen der Automatisierung;
KI als Werkzeug und Human in the Loop-Maßnahmen;
Daten- und IT-Sicherheitsverständnis;
Technik-Recht-Übersetzung;
Prompt- und Tool-Kompetenz;
Verantwortungs- und Qualitätssicherungskonzepte.
Die Frage ist längst nicht mehr, ob KI den juristischen Berufsalltag verändert, sondern wie gut Jurist:innen darauf vorbereitet sind. Gerade deshalb braucht es eine Modernisierung der juristischen Ausbildung und ein zeitgemäßes Verständnis von Professionalität im Kanzleialltag. KI‑Kompetenz wird zum festen Bestandteil des juristischen Anforderungsprofils – vergleichbar mit früheren EDV‑Kenntnissen, jedoch deutlich anspruchsvoller und fachlich vielschichtiger.
Die großen KI- Modelle wie ChatGPT oder Gemini haben für viele Menschen die klassische Suchmaschine ersetzt, auch für Mandant:innen. Sie kommen oft „KI‑vorinformiert“ ins Erstgespräch und glauben, bereits eine rechtlich fundierte Lösung zu haben und wollen "nur" noch eine kurze Bestätigung – dh der Anwalt soll das Ergebnis nur noch möglichst "kostengünstig" absegnen und die Verantwortung für die Richtigkeit übernehmen. KI-Modelle können zwar zwischenzeitig Gesetzestexte und Rechtsquellen schnell auffinden und plausibel zusammenfassen; sie liefern Ergebnisse, die auf den ersten Blick juristisch fundiert wirken. Doch bei näherer Analyse erweisen sich diese vermeintlich schlüssigen Ergebnisse als falsch. Die anwaltliche Ausbildung und Erfahrung spielt hier weiterhin eine entscheidende Rolle: Die anwaltliche Kernaufgabe ist und bleibt es, den relevanten Sachverhalt unserer Mandant:innen korrekt zu erfassen und – auf Basis fundierter Rechtskenntnisse – eine passgenaue Lösung zu entwickeln. Wird der entscheidungswesentliche Sachverhalt unvollständig oder falsch ermittelt, nützt selbst die brillanteste Rechtsanalyse nichts; sie geht zwangsläufig am Problem vorbei. Genau deshalb lässt sich der entscheidende Schritt – die sachverhaltsbezogene Analyse – nicht an eine Maschine delegieren. Genau hier entsteht Mehraufwand: KI schafft Erwartungen, aber oft keine verlässliche Grundlage. Vorinterpretationen durch KI können den Kommunikationsbedarf deutlich erhöhen und zu echtem Mehraufwand führen, weil die juristische Arbeit dort wieder beginnt, wo die Maschine an ihre Grenzen stößt.
Diese Frage ist seit dem Durchbruch generativer KI allgegenwärtig. Der Grund ist ein technologischer Paradigmenwechsel: KI-Systeme können heute nicht nur in Sekundenschnelle Dokumente finden, sondern Inhalte verdichten, Muster erkennen und Textvorschläge erzeugen, die auf den ersten Blick "anwaltlich" wirken. Damit geraten gerade jene Aufgaben unter Veränderungsdruck, die in Ausbildung und Berufseinstieg lange als Kern juristischer Arbeit galten: fundierte Erstrecherche, Standarddokumente, Review-Schleifen. Gleichzeitig steigt der Wert dessen, was KI nicht zuverlässig liefern kann: juristisches Urteilsvermögen, Priorisierung, Risikoabwägung und -tragung sowie Mandatsführung. Auch KI-Ergebnisse müssen fundiert geprüft, eingeordnet und korrigiert werden.
Student:innen und Berufseinsteiger:innen kann die Angst genommen werden: Die Einstiegjobs verschwinden nicht; aber sie verändern sich. Insofern muss sich auch der juristische Nachwuchs umstellen. KI frisst Routinen. Alles, was sich standardisieren, zusammenfassen oder automatisieren lässt, wird sukzessive verschwinden. Gefragt sind weiterhin Mitarbeiter:innen, die liefern, was KI nicht kann: Urteilsvermögen, Priorisierung, Verantwortung und Strategie, oder kurz gesagt: echtes juristisches Denken.