Karrieren verlaufen selten nach Plan – und genau darin liegt oft ihre größte Stärke. Mag. Beate Danczul ist den geraden Weg bewusst nicht gegangen. Stattdessen hat sie ihrer Neugier vertraut, auf ihr Bauchgefühl gehört und Chancen ergriffen, die sich nicht im Karrierehandbuch finden.
Vom Jus-Studium über Mediation und Coaching bis hin zur Übernahme, Weiterentwicklung und erfolgreichen Veräußerung eines Employee-Assistance-Unternehmens: Ihr Weg ist geprägt von Mut zur Veränderung, unternehmerischem Gespür und einem tiefen Verständnis für Menschen und Systeme.
Im KarriereInsights-Interview spricht sie über Wendepunkte statt Lebenslauf-Logik, über Führung, die beim Zuhören beginnt, und über die Kunst, Unsicherheit nicht als Risiko, sondern als Entwicklungschance zu begreifen. Ein Gespräch über Wirksamkeit, Verantwortung – und darüber, warum Karriere nicht geplant sein muss, um erfolgreich zu sein.
Frau Danczul, Ihr Weg führte vom Jus-Studium über Mediation und Coaching bis hin zur Übernahme und Veräußerung eines Unternehmens. Wie ist dieser außergewöhnliche Karriereweg entstanden – war er strategisch geplant oder vielmehr ein Prozess des Ausprobierens?
Dieser Weg war definitiv nicht geplant! Jus habe ich recht halbherzig studiert und damit viel mehr dem Wunsch meines Vaters entsprochen. Ich war (und bin noch) begeisterte Mutter von drei Söhnen und habe mich in dieser Zeit zur Mediatorin und Coach ausbilden lassen. Neben den Mediationen und Coachings, die ich gemacht habe, leitete ich gemeinsam mit einer Kollegin einen Mediationslehrgang.
Der Umgang mit Menschen und das Know How über Systeme hat mich viel mehr interessiert als die Lösung von Rechtsstreitigkeiten.
In weiterer Folge habe ich mich in ein kleines Unternehmen eingekauft, dass ich vorerst mit einer Kollegin und dann allein zu einem Employee Assistance Service (consentiv gmbh) entwickelt habe. Auch hierhin hat mich meine Neugier an Menschen, Kommunikation, Mustern und Konfliktpotentialen eher durch Zufall hingebracht.
2021 habe ich das Unternehmen dann einer 100%igen Tochter der UNIQA verkauft und nun wurde daraus MAVIE work.
Sie waren viele Jahre Geschäftsführerin von consentiv – heute MAVIE work. Was war der Auslöser, damals einen Employee Assistance Service aufzubauen – und wie hat sich das Thema in Österreich entwickelt?
Ausgangspunkt war der Verein Wiener Kinderdrehscheibe, der Familien rund um Kinderbetreuung, Tageseltern und bei organisatorischen Fragen unterstützte. Aus dem reinen Familienfokus entstand ein breiteres Verständnis von betrieblicher Unterstützung in privaten und beruflichen Belangen. MitarbeiterInnen sind für das Unternehmen nur dann leistungsfähig, wenn es ihnen beruflich und privat auch gut geht.
consentiv etablierte sich als Anbieter für psychosoziale Beratung, Krisenintervention, Mediation, Outplacement und Change-Begleitung für Mitarbeitende und Führungskräfte.
Ich brenne noch heute für das Thema! Anfangs waren wir jahrelang allein am Markt. Die große Herausforderung war, zwei Kunden gerecht zu werden: Dem zahlenden Arbeitgeber und den Mitarbeiter-User:innen.
Im laufe der Zeit sind viele Mitbewerber:innen dazugekommen. Der Verkauf an (heute) MAVIE hat es möglich gemacht, gute Qualität zu digitalisieren und über die Landesgrenzen hinaus anzubieten.
Der Exit 2021 war ein Meilenstein. Wie blicken Sie heute auf diesen Moment zurück - mehr mit Stolz oder auch Wehmut?
Gerne erinnere ich mich an die Zeit mit meinen wunderbaren Kunden (große und kleine Unternehmen). Mit manchen Personalisten und Geschäftsführungen bin ich noch immer in engem Kontakt. Und die vielen Erlebnisse mit dem großartigen Team werde ich auch nicht vergessen. Ich blicke mit Stolz zurück, denn es war der richtige Zeitpunkt zu verkaufen.
Drei Kinder und parallel beruflich selbstständig. Wie haben Sie diese Lebensphase erlebt? Und was würden Sie heute jungen Eltern mitgeben, die vor ähnlichen Herausforderungen stehen?
Die Mediationen und Coachings gingen sich, als die Kinder noch jünger waren, gut aus. Mein Mann und ich haben uns immer abgestimmt.
Die 60 Stunden-Wochen gab es erst, als meine Kinder schon größer waren und mich nicht mehr so brauchten. Jungen Eltern möchte ich folgendes mitgeben: Nehmt euch Zeit für eure Kinder und genießt sie. Karriere geht trotzdem.
Gab es einen Moment, in dem Sie dachten: „Ich kann nicht mehr“ – und wie sind Sie damit umgegangen?
Es gab schon Momente, in denen ich mich kraftlos und ausgelaugt gefühlt habe. Diese Momente dauerten nie lange. Die KI liefert zwar viel Unterstützung bei der Arbeit, Inspiration geben mir jedoch Menschen im persönlichen Kontakt und in authentischer Begegnung. Somit waren es meine Kunden und mein Team, die mich unterstützt haben, an meiner Tätigkeit dranzubleiben.
Meine Familie war und ist eine dauernde Kraftquelle für mich.
Sie arbeiten heute als Coach, Moderatorin und Profilerin – wie verändert sich der Blick auf Menschen und Organisationen mit dieser Kombination an Werkzeugen?
Bedürfnisse hinter den Positionen zu erkennen, Wechselseitigkeit zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber und zwischen Privatpersonen herstellen und Emotionen ansprechen zu können, ermöglicht nicht nur Effizienz im Tun, sondern auch Wertschätzung und authentische Verhaltensweisen. Das braucht es dort, wo es „menschelt“, egal in welchem Gefüge.
Was fasziniert Sie am Profiling – und was ist für Sie der größte Irrglaube über diese Methode?
Ich habe mit dieser Ausbildung noch zusätzliche Tools gelernt, mit Menschen umzugehen oder sie als Unternehmensberaterin und Coach auf ihrem Weg zu unterstützen. Der größte Irrglaube ist meines Erachtens, der, zu glauben, dass man nur an der Mimik erkennen kann, ob jemand die Wahrheit sagt. Hier ist viel, viel mehr zu berücksichtigen.
Viele junge Talente suchen „den richtigen Weg“. Sie sagen: Ausprobieren und in sich reinhören ist zentral. Welche Fragen sollten sich Berufseinsteiger:innen unbedingt stellen?
Die Frage nach dem WAS (welche Tätigkeit will ich ausüben?) ist meines Erachtens genauso wichtig wie die Frage nach dem WIE (Wie will ich arbeiten?).
Manche Menschen sind Einzelkämpfer, andere brauchen das Team. Will ich an vorderster Front stehen oder bin ich lieber in der zweiten Reihe? Welche Performance traue ich mir schon zu und was muss ich erst erlernen? Wenn das geklärt ist, bedarf es einer ernsthaften Überprüfung, ob meine Vorstellungen auch mit der Rolle, die mir der zukünftige Arbeitgeber gibt, übereinstimmen. Wenn das nicht von Anfang an klar ist, kann es später leicht zu Konflikten und Enttäuschungen kommen.
Sie haben ein feines Gespür für Systeme und Dynamiken. Was beobachten Sie aktuell in Organisationen – was brauchen Führungskräfte heute wirklich?
Meines Erachtens braucht es mehr Zeit und ein Gespür für Leadership. In Konzernen genauso wie in der Start-Up Szene. Die investierte Zeit rentiert sich langfristig im Rahmen von Mitarbeiterbindung, Bereitschaft einen Change gut mitzutragen, Engagement in schwierigen Zeiten und Identifikation mit den Unternehmenszielen.
Sie haben mehrfach beruflich neu angefangen. Was raten Sie Menschen, die ebenfalls einen Cut wagen wollen, aber noch zögern?
Auch wenn das jetzt kitschig klingt: Ich bin der Überzeugung, dass es wichtig ist, die „Ja aber…“- Sätze und Zweifel wegzulassen und sich vertrauensvoll auf den Weg zu begeben. Notwendig ist, nach geraumer Zeit eine ernsthafte Evaluierung für sich vorzunehmen, ob der gewünschte Plan auch aufgeht.
Was steht bei Ihnen als Nächstes an – beruflich wie privat? Und worauf freuen Sie sich besonders?
Privat genieße ich die Zeit mit meinem Mann am Rennrad und am Golfplatz, ebenso wie das Treffen mit vielen verschiedenen Menschen zu spannenden Themen. Beruflich bin ich im Bereich Coaching, Konfliktmoderation und Unternehmensberatung tätig. Dieser Tätigkeit will ich mich weiterhin widmen und mich besonders in der Start-Up Szene noch mehr als bisher einbringen. Mentoring ist eine sehr sinnstiftende Tätigkeit.
Was hätten Sie gerne schon mit 18 gewusst – über Karriere, über sich selbst oder über das Leben?
Nach reiflicher Überlegung muss ich sagen, dass ich mir in diesem Fall so manche Schritte nicht zugetraut und damit Abstand von ihnen genommen hätte. Damit könnte ich auch nicht auf so eine spannende Geschichte zurückblicken. So gesehen, passt es, dass ich damals vieles nicht wusste und immer in der Gegenwart mit bestem Wissen und Gewissen entschieden habe.
Und ganz pragmatisch: Was tun Sie selbst, wenn ein Konflikt Sie emotional trifft?
Ich versuche gelassen zu bleiben und die Bedürfnisse meines Gegenübers hinter der festgefahrenen Position zu erkennen. Das Know-How über Persönlichkeitsstile unterstützt diesen Vorgang. Mediative Tools zum richtigen Umgang mit Konflikten anzuwenden, ist nicht ganz so einfach, wenn es um mich selbst geht, doch es funktioniert. Entweder, es kommt dann zu einer gemeinsamen Linie, oder es müssen alle Seiten damit Klarkommen, dass es unterschiedliche Wahrnehmungen gibt.
Vielen Dank für das spannende Interview und den tollen Einblick in Ihren Karriereweg. Wir wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg und alles Gute!
