Wenn Legal nicht mehr „die Abteilung mit den roten Stempeln“ ist, sondern Teil des Produkts - dann wird’s richtig spannend.
In dieser Ausgabe unserer Interviewreihe KarriereInsights sprechen wir mit Lucas Jamnig, Lead Counsel bei fiskaly, einem Scale-up an der Schnittstelle von Cloud-Technologie und regulatorischer Compliance. Er zeigt auf, warum moderne Jurist:innen heute weit mehr sind als Risk-Manager: Sie schaffen Strukturen, beschleunigen Entscheidungen und werden zum strategischen Enabler für Wachstum.
Besonders spannend ist sein Ansatz „House of Legal“ - ein digitales Setup, das Legal skalierbar macht, Prozesse messbar verbessert und die Zusammenarbeit mit Business und Tech auf ein neues Level hebt. Dazu gibt es klare Praxis-Insights, Legal-Tech-Trends und eine Botschaft an alle, die in der Tech-Branche juristisch durchstarten wollen.
Du bist aktuell Lead Counsel bei fiskaly - einem Unternehmen an der Schnittstelle von Cloud-Technologie und regulatorischer Compliance. Was reizt dich besonders an dieser Kombination von Tech, Recht und Strategie?
Recht ist hier kein Selbstzweck, sondern Teil des Produkt-Portfolios. Diese Nähe zu Technologie, Regulierung und Scale-up-Wachstum ist super spannend.
Wie verändert sich deine Rolle als Unternehmensjurist in einem Scale-up, das grenzüberschreitend agiert und in einem stark regulierten Umfeld arbeitet?
Legal wird vom Risk-Manager zum Enabler – früh involviert, international denkend und stark priorisierend. Mein House-of-Legal Konzept hilft mir dabei sehr, den Überblick zu behalten.
Du sprichst vom “House of Legal” - einem strategischen Ansatz für moderne Rechtsabteilungen. Wie sieht das konkret im Alltag aus und was sind zentrale Erfolgsfaktoren?
Das “House of Legal” ist eine digitale Landingpage mit acht klar definierten Service-Layern. Business-Teams geben ihre Anfragen strukturiert ein und treffen durch Vorfilterung selbst erste Entscheidungen im Rahmen der "Sachverhaltsanalyse". Legal tranchiert die Tickets weiter, erfasst relevante Daten und steuert den Case datenbasiert. So werden Durchlaufzeiten, Risikovermeidung und Kostenersparnisse messbar – und Legal als skalierbare, management-relevante Plattform sichtbar.
Dein Werdegang reicht von der Großkanzlei über Scale-ups wie neoom und Bitpanda bis hin zu deiner jetzigen Rolle. Welcher Abschnitt hat deine Sichtweise auf die Rolle von Legal am stärksten geprägt - und warum?
Ganz klar war dies der Wechsel von der Kanzlei zu Bitpanda Ende 2021/Anfang 2022 - Rechtsberatung von außen für den Mandanten wurde bei mir zur aktiven Rechtsberatung im Ökosystem des (einen) Mandanten.
Was hättest du als junger Jurist gerne früher über das Arbeiten in Legal-Abteilungen von Tech-Unternehmen gewusst?
Dass Pragmatismus wichtiger ist als Perfektion (für Jurist:innen oft schwer "verkraftbar") – und Timing oft entscheidender ist als Tiefe. Keiner liest Memos.
Wie hat sich deine Definition von “Legal Excellence” im Laufe deiner Karriere verändert?
Von rechtlicher Brillianz hin zu Wirkung, Verständlichkeit und Geschwindigkeit. Da hilft GenAI auch immens.
Als Co-Host des Austrian Legal Tech Talk bist du nah dran an Innovationen in der Rechtsbranche. Was sind die drei spannendsten Entwicklungen, die du derzeit beobachtest - und was ist vielleicht überbewertet?
Spannend sind für mich die KI-gestützte Recherche, Contract-Workflow-Automation und Legal Ops, sprich die Interaktion mit Data und Tech Teams.
Überbewertet finde ich sündhaft teure, over-engineered Tools und die "Agents will take over" Diskussion.
Wie bringst du juristische Expertise und technisches Verständnis unter einen Hut und welche Skills werden für Jurist:innen in Zukunft entscheidend sein?
Durch Neugier, Übersetzungsarbeit – und die Bereitschaft, Dinge nicht nur rechtlich zu betrachten. Bei fiskaly wird wahrlich interdisziplinär gearbeitet. Und fun fact: Software Engineers und Jurist:innen denken gleichermaßen regelbasiert - das macht die Kollab oft leichter als man denkt.
Digitalisierung ist oft ein Buzzword. Was bedeutet "digitale Transformation" für dich ganz konkret in der Rechtsabteilung?
Standardisieren, automatisieren, messen – und mehr Zeit für echte Risiko- und Strategiethemen schaffen. Zum Beispiel laufen NDAs nicht mehr per E-Mail, sondern über einen digitalen Self-Service, nämlich im House of Legal. Dadurch haben wir schnellere Prozesse und weniger Routinearbeit.
Legal wird oft als “Verhinderer” wahrgenommen. Wie gelingt es dir, als strategischer Partner im Unternehmen aufzutreten und Vertrauen aufzubauen?
Indem man Lösungen anbietet, nicht nur Risiken benennt – und Business-Ziele versteht.
Welche KPIs oder Erfolgsmetriken sind für dich entscheidend, um den Beitrag von Legal sichtbar zu machen?
Time-to-decision, Risikoreduktion, Enablement von Wachstum und Stakeholder-Zufriedenheit.
Wie sieht erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Legal, Produkt und Tech in der Praxis aus und wo wird es manchmal herausfordernd?
Erfolgreich ist die Zusammenarbeit, wenn diese früh beginnt, kontinuierlich weitergeht und auf Augenhöhe basiert. Herausfordernd wird es, wenn Legal zu spät eingebunden wird und die Zeit bis zum Launch wieder mal knapp ist.
Du engagierst dich als Mentor und in der Legal-Tech-Community. Was motiviert dich, dein Wissen weiterzugeben?
Weil ich selbst enorm von offenen Gesprächen profitiert habe. Jurist:innen sind sehr auf individuelle Perfektion getrimmt, dabei geht es viel mehr um die Entwicklung hinzu der best version of yourself - dabei helfen Tipps und Tricks von Top-Tier-Jurist:innen immens, inkl. Einblicke in die individuellen "ways of work".
Ich teile mein Wissen, weil viele Jurist:innen wissen, dass sich ihre Rolle verändert – aber nicht, wo sie anfangen sollen. Mein Tipp: Nicht mit Tools starten, sondern mit einem klaren Pain Point aus dem Alltag der Rechtsabteilung. Die Problembeschreibung ist die Automatisierungsanleitung.
Was war ein besonders prägender Austausch im Rahmen des Austrian Legal Tech Talk, der dir persönlich in Erinnerung geblieben ist?
Wenn sehr unterschiedliche Perspektiven plötzlich dieselbe Vision von Legal teilen. Wir hatten sehr viele Praxis-Blickwinkel auf die Veränderung der Rechtspraxis vor Ort (AI-Programm Manager, Rechtsethik, Rechtsphilosophie hinzu Anwaltskanzleien und Inhouse Praktiker:innen); diese Interaktion in einem Raum hat mir besonders gefallen, Round 02 kommt im März 2026.
Wenn du eine Botschaft an angehende Legal Professionals in der Tech-Branche richten könntest – wie würde diese lauten?
Denkt unternehmerisch, lernt Technologie zu verstehen - und habt keine Angst vor Verantwortung.
Und zum Schluss: Suchst du aktuell Talente für dein Team oder kennst du spannende Möglichkeiten für Jurist:innen, die an der Schnittstelle von Recht, Technologie und Innovation arbeiten möchten?
Ja – fiskaly sucht einen (Junior) Legal Counsel der in meinem Team Legal/Compliance/Governance/Risk Themen bearbeitet. Menschen mit juristischer Tiefe, Business-Mindset und Lust auf Regulierung als Produktbestandteil sind herzlich willkommen.
Vielen Dank für deine Zeit und vor allem für den tollen Einblick in deine Tätigkeit. Wir wünschen dir viel Erfolg auf deinem weiteren Weg!
Steckbrief: Persönliche Fragen an Lucas Jamnig
Wo und wie tankst du Energie?
Beim Sport und in den Bergen.
Drei Begriffe, die deine berufliche Haltung am besten beschreiben?
Pragmatisch. Strategisch. Einfach.
Eine Buchempfehlung …
Der Neurochirurg, der sein Herz vergessen hatte
Eine Frage, die ich mir selbst immer wieder stelle…
Schafft das gerade echten Mehrwert für das Unternehmen oder ist das nur old school paper work?
Was ist deine größte Stärke?
Kommunikationsfähigkeit.
