Ein Jusstudium in zweieinhalb Jahren? Was für viele kaum vorstellbar klingt, hat unser heutiger Interviewpartner Realität werden lassen – und dabei nicht nur Prüfungen im Eiltempo absolviert, sondern auch internationale Praktika und Sprachkenntnisse unter einen Hut gebracht.
Wie schafft man das? Was motiviert jemanden zu einem derart zielgerichteten Karriereeinstieg – und warum ist gerade die Wahl einer kleineren Kanzlei zu Beginn ein kluger Schritt?
In diesem Interview verrät Gabriel Paulus seine besten Strategien, spricht offen über Fehler, Erkenntnisse und persönliche Aha-Momente – und gibt wertvolle Tipps, die jedem Studium (und jeder Karriere) gut tun würden.
Sie haben Ihr Studium in nur zweieinhalb Jahren abgeschlossen – das ist beeindruckend. Was hat Sie motiviert, dieses Tempo zu gehen – und wie haben Sie strukturell dafür gesorgt, dass Sie so schnell vorankommen?
Ich hatte von Anfang an den Gedanken, dass ich kein ewiger Student sein will und möglichst bald ins Berufsleben eintreten möchte. Aber auch wenn man sehr gerne Student ist und der Meinung ist, dass Studieren die beste Zeit des Lebens sei (was ich persönlich absolut nicht teile), dann kann man immer nachher noch ein weiteres Studium dazu nehmen. Jedenfalls gibt ein schneller Abschluss des Studiums gigantische Freiheiten und eröffnet neue Perspektiven.
Strukturell war das Wichtigste, mich sehr gut über die Eigenheiten am Juridicum zu informieren. Meine Schwester, die auch schon sehr schnell studiert hat, hat mir die richtige Denkweise und praktische Tipps mitgegeben. Am Juridicum braucht man sehr viel informelles Wissen, um wirklich effizient durchs Studium zu gleiten, z.B. wie bereite ich mich auf Prüfungen vor, welche Prüfungen mache ich wann, wie verhalte ich mich bei Prüfungen, welche Wahlfächer mache ich, woher beschaffe ich mir Informationen.
Was ist Ihrer Meinung nach der häufigste Fehler, den Studierende (der Rechtswissenschaften) unbedingt vermeiden sollten?
Das Wichtigste ist das richtige Motto: Wer nicht antritt, ist auch durchgefallen! Häufige Fehler sind vor allem der Perfektionismus und die Angst, man könne sich „blamieren“. Am Ende des Tages interessiert es niemanden, ob man sich irgendwo „blamiert“ hat oder nicht und es interessiert auch keinen, ob man den Stoff zu 80% oder zu 90% gelernt hat - zu 100 % wird man ihn ohnehin nicht lernen können.
Welche drei Dinge würden Sie Studierenden empfehlen, die ebenfalls so schnell studieren möchten wie Sie?
Meine Top-3 Empfehlungen sind:
Bei so vielen mündlichen Prüfungen zuschauen, wie es geht, „koste es, was es wolle“. Es gibt nämlich keine besser investierte Zeit.
Genau den/die Professor/in „studieren“, bei dem/der man antritt. Am besten zu Lehrveranstaltungen gehen und mitarbeiten.
(Grundsätzlich) Nie abmelden! Wenn du bereits weißt, dass du in zwei Wochen antrittst und das „Institut der Abmeldung“ bei dir nicht existiert, lernt man automatisch deutlich effizienter. Ein vergeudeter Erstantritt ist weniger schlimm als eine tatenlos verstrichene Prüfungswoche.
Nach Ihrem Jus-Studium haben Sie auch noch Politikwissenschaften und EU-Recht studiert. Wie kam es dazu?
Während meines Jus-Studiums dachte ich eigentlich, dass ich am liebsten etwas „Internationales“ machen will, zum Beispiel Diplomatie, internationale Organisationen, oder etwas mit politischem Konnex. Daher habe ich auch noch Politikwissenschaften angehängt. Dieses Erlebnis hat mich nochmals darin bestätigt, wie interessant im Vergleich dazu das Jusstudium und auch wie hoch die Qualität am Juridicum ist, auch wenn diese oft schlechtgeredet wird.
Danach habe ich noch EU-Recht am College d‘Europe ergänzt, um meine Möglichkeiten, im Ausland zu arbeiten, weiter auszubauen. Im Endeffekt war dann aber doch Wien am interessantesten.
Inwiefern hat Ihr „Turbo-Studium“ Ihren Karriereweg beeinflusst?
Selbstverständlich hatte meine Studiengeschwindigkeit einen großen Einfluss auf meine weitere Karriere, allein schon, da ich deutlich mehr Zeit hatte, mich zu orientieren. Dies war wichtig, da ich im Studium noch nicht wusste, wo die berufliche Reise hingehen soll. Die „gewonnene Zeit“ habe ich daher für zwei weitere Masterstudien genutzt. Freilich ist die schnelle Studienzeit auch bei vielen Arbeitgebern gut angekommen.
Manche behaupten das Jus-Studium sei kein „internationales“ Studium, da man primär österreichisches Recht lernt. Sie haben in vielen Ländern Praktika absolviert, würden Sie sagen, dass Ihnen das Jus-Studium dennoch die Türe zur internationalen Tätigkeit geöffnet hat?
Ich würde sagen, dass man mit Jus überraschend viele internationale Möglichkeiten hat. Bereits während der Studienzeit gibt es unzählige Möglichkeiten, Praktika im Ausland zu machen, z.B. über ELSA Traineeships oder Programme der österreichischen Botschaften und Außenwirtschaftszentren. Nach dem Studium kommt es natürlich darauf an, ob man in den klassischen oder einen alternativen Rechtsberuf geht. In beiden Fällen ist die Nachfrage nach österreichischen Juristen immer hoch, da es einfach eine anspruchsvolle und qualitativ hochwertige Ausbildung ist. Es ist auch möglich, nach dem Studium in einem anderen Land als Anwalt qualifiziert zu werden, was in vielen Ländern, z.B. Frankreich oder Spanien, teilweise auch den USA, sogar schneller gehen kann als in Österreich. In meinem Bekanntenkreis ist Belgien ein Klassiker, auch Liechtenstein wird zunehmend beliebter.
Vor allem aber kann die Tätigkeit als Anwalt in Wien sehr international sein, meines Erachtens sogar vielmehr als so manch eine Stelle in der Diplomatie, vor allem bei der Arbeit mit internationalem Klientel oder internationalen Kollegen.
Sie haben eine bemerkenswerte Bandbreite an Praktika absolviert. Wie haben Sie die Praktika ausgewählt? Und was davon hat sich im Nachhinein als besonders wertvoll herausgestellt?
Allgemein habe ich mich sehr breit beworben, also in möglichst vielen verschiedenen Feldern, die irgendwie noch im Zusammenhang mit Jus stehen, zum Beispiel in Start-Ups, Diplomatie, Forschungsinstituten oder Kanzleien. Auch das internationale Angebot ist riesig. Bei der Suche nach Praktika kann es auch helfen, auf LinkedIn-Profile zu schauen, um zu sehen was andere so machen/gemacht haben. Besonders spannend finde ich dabei, nicht immer in die „beliebten“ Länder wie Frankreich oder USA zu gehen, sondern auch in jene, die in der Zukunft noch deutlich relevanter werden, wie zum Beispiel Malaysien oder Bangladesch.
Eine positive Überraschung bei meinen Praktika war ein ELSA Traineeship bei einer kleinen Kanzlei in Litauen. Ursprünglich bin ich nicht davon ausgegangen, in dieser Kleinstadt ein besonders spannendes Leben zu führen, es war dann aber tatsächlich ein unglaubliches Erlebnis, vor allem, da ich sehr schnell viele tolle Menschen kennengelernt habe.
Wie haben Sie es geschafft, in der kurzen Studienzeit auch Raum für Praktika zu schaffen? Wie haben Sie Prioritäten gesetzt zwischen Studium, Praxis und Freizeit?
Ich sehe in der schnellen Studienzeit und den vielen parallelen Aktivitäten, denen ich nachging, keinen Widerspruch, sondern den Kern des Systems. Da sich nicht mein gesamtes Leben nur um das Studium gedreht hat, konnte ich mit mehr Gelassenheit in die Prüfungen gehen und die natürlich regelmäßig vorkommenden Rückschläge leichter verdauen. Außerdem ist es auch fast nicht möglich, durchgehend eine 80-Stunden Lernwoche zu haben. Das kam bei mir zwar auch vor, nachhaltig ist so ein Modell aber nicht. Wenn man zum Beispiel jeden Tag um 18:00 Uhr die Stifte fallen lässt und danach zu sozialen Events, zum Beispiel mit ELSA, dem Legal Literacy Project oder Ähnlichem geht, dann hat man ein sehr reiches soziales Leben und trotzdem mehr als ausreichend gelernt.
Bei den Praktika war oft der Vorteil, dass diese aus meiner Sicht andere Hirnareale bedienen als das Studium und ich daher Praktika auch in fürs Studium „toten“ Zeiten erledigen konnte, also in Zeiten, in denen ich zwar nicht mehr konzentriert Stoff lernen konnte, aber trotzdem noch für andere Tätigkeiten arbeitsfähig war. Insbesondere der Monat Juli bietet sich an, da bis zur nächsten Prüfung noch viel zu viel Zeit liegt, um bereits ernsthaft zu lernen.
Sprache ist mehr als Wortschatz – sie ist Kultur, Denken, Verbindung. Sie können mehr als 10 Fremdsprachen. Wie hat das Erlernen von Fremdsprachen Ihre persönliche Perspektive verändert?
Es gibt genug Menschen, die zwar Fremdsprachen können, dennoch aber nicht über den Tellerrand blicken können oder wollen. Es ist also keine Garantie, definitiv aber eine große Hilfe, um andere Denkweisen zu verstehen. Ich habe in dieser Hinsicht vor allem durch slawische Sprachen profitiert, da sich die Denkweise in slawischen Ländern typischerweise von jener in Österreich sehr stark unterscheidet.
Sie sind jetzt Rechtsanwaltsanwärter in einer kleinen Kanzlei? Warum genau haben Sie sich für diesen Weg entschieden? Wie würden Sie es jetzt angehen?
Mein Fehler war, dass ich leider in der Großkanzlei begonnen habe und dann in die kleinere Kanzlei gewechselt bin. Nachträglich würde ich es eher umgekehrt empfehlen, da man in einer kleineren Einheit die allgemeinen Dinge sehr gut lernen kann und die Großkanzlei vor allem dann interessant wird, wenn man schon eine sehr gute Basis hat und nur mehr in einer Spezialisierung arbeiten will. Freilich kann man das nicht so verallgemeinern, da es in Großkanzleien immer auf das Team ankommt und auch genug Kleinkanzleien Großkanzlei-Mandate haben und vice versa, sodass die Grenzen fließend sind. Mein Fehler war, am Anfang zu sehr aufs Gehalt zu schauen - es macht weniger aus, ob man als Konzipient ein paar Hundert Euro mehr verdient, als wenn man später als Anwalt tausende Euro mehr verdient, da man einer Tätigkeit nachgeht, die man mag und gut kann.
Wenn Sie an Ihre nächsten 5 Jahre denken – welche drei Dinge möchten Sie erreichen oder verändern?
Erfolgreich meinen weiteren Weg in die Anwaltei beschreiten und jeden Tag besser werden. Für Dinge einstehen, die ich richtig finde. Auf die produktiven Dinge des Lebens fokussieren, nicht auf Ablenkungen.
Vielen Dank Herr Paulus für diese spannenden Einblicke in Ihren beeindruckenden Werdegang. Wir wünschen Ihnen noch alles Gute auf Ihrem weiteren Weg.
Steckbrief: Persönliche Fragen an Gabriel Paulus
Wo und wie tanken Sie Energie?
Spazieren gehen im Ersten Bezirk.
Welche App ist für Sie unverzichtbar?
Natürlich meine Übersetzer-Apps!
Eine Frage, die ich mir selbst immer wieder stelle … Warum Menschen immer mit dem Lift fahren und nie die Treppe nehmen.
Welches Buch lesen Sie gerade?
Keins - ich bevorzuge geballte Information und Bücher sind mir da oft zu ausschweifend. Außerdem stimmt es nicht, dass man für ein intellektuelles Dasein unbedingt Bücher lesen muss.
Ihr Lebensmotto:
Einfach mal machen!