Kaum eine Frage beschäftigt junge Jurist:innen so früh und so hartnäckig wie diese: Soll ich in eine Großkanzlei oder in eine kleinere Kanzlei gehen? Rund um diese Entscheidung ranken sich zahlreiche Mythen und Thesen, die wohl jede:r schon einmal gehört hat: In der Großkanzlei arbeitet man bis Mitternacht bzw bis zum Umfallen. In der Kleinkanzlei verdient man schlecht und es gibt keine spannenden Mandate.
Beim Streitgespräch Großkanzlei vs Kleinkanzlei am 28. Mai 2026 im LawFinder Office haben wir genau diese Annahmen auf den Prüfstand gestellt - gemeinsam mit zwei Gästen, die beide Kanzleiwelten aus erster Hand kennen.
Rojda Özyurt ist Rechtsanwaltsanwärterin bei Schönherr Rechtsanwälte und konnte dort bereits zwei unterschiedliche Teams kennenlernen. Sie brachte die Perspektive der Großkanzlei aus dem Inneren ein. Gabriel Paulus ist Rechtsanwaltsanwärter bei Moser Legal, einer kleineren Kanzlei, hat jedoch zuvor mehrere Stationen - auch in Großkanzleien - absolviert. Er kennt den direkten Vergleich aus eigener Erfahrung und zeigte auf, welche Vorteile kleinere Kanzleistrukturen bieten können.
Dass das Thema viele Studierende bewegt, zeigte sich nicht nur an der rasch ausgebuchten Veranstaltung, sondern auch an der regen Teilnahme - trotz bestem frühsommerlichem Wetter.
Zu den hartnäckigsten Vorurteilen gegenüber Großkanzleien zählt die Vorstellung, man sei dort nur ein kleines Zahnrad in einer großen Maschine und arbeite grundsätzlich bis zum Umfallen. Rojda widersprach diesem Bild klar.
Im Gespräch wurde deutlich: Wer an großen und teils hochkomplexen Mandaten mitarbeitet, entwickelt sich fachlich in einer Tiefe und Geschwindigkeit weiter, die schwer zu ersetzen ist. Strukturierte Ausbildung, internationale Standards und Feedback über mehrere Senioritätsstufen hinweg sind dabei keine bloßen Marketingversprechen, sondern handfeste Vorteile, die sich sowohl im Lebenslauf als auch im eigenen Können bemerkbar machen. Die Marke öffnet Türen. Und das hohe Tempo, das viele abschreckt, ist für andere genau der Reiz.
Gabriel hielt dagegen und berichtete offen von seinen eigenen Erfahrungen. Sein zentraler Punkt: In einer kleineren Struktur sieht man früher den gesamten Akt, übernimmt schneller Verantwortung, steht eher selbst vor Gericht und hat direkten Kontakt zu Mandant:innen.
Gerade an diesem Punkt wurde deutlich, wie individuell die Ausbildung als Rechtsanwaltsanwärter:in aussehen kann. Klar ist: Es gibt enorme Unterschiede - nicht nur zwischen Groß- und Kleinkanzlei, sondern oft auch innerhalb derselben Kanzlei von Abteilung zu Abteilung. Viel hängt vom jeweiligen Team, der konkreten Praxisgruppe und nicht zuletzt von der betreuenden Partnerin oder dem betreuenden Partner ab.
In einem Punkt waren sich beide Gäste einig - und genau das war vielleicht der ehrlichste Moment des Abends: Es gibt keinen Weg, der für alle passt. Es gibt nur den Weg, der zum Menschen, zur jeweiligen Lebensphase und zu der einen zentralen Frage passt: Was möchte ich in den nächsten zwei, drei Jahren wirklich lernen?
Besonders eindrucksvoll war das Ergebnis der Publikumsabstimmung am Ende des Abends. Nach allen Argumenten, allen Mythen und allem Für und Wider stand es nahezu exakt 50:50 zwischen Großkanzlei und Kleinkanzlei.
Kein eindeutiger Sieger. Und genau darin liegt die wichtigste Erkenntnis des Abends: Die richtige Wahl ist keine allgemeingültige, sondern eine persönliche.
Wer Struktur, fachliche Tiefe, internationale Mandate und einen klaren Karrierepfad sucht, ist in einer Großkanzlei gut aufgehoben. Wer früh breite Einblicke gewinnen, Eigenverantwortung übernehmen und unternehmerisches Denken entwickeln möchte, findet diese Möglichkeiten eher in einer kleineren Einheit.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht: „Welche Kanzlei ist besser?“
Sondern: „Welche Kanzlei passt zu mir?“
Danke an Rojda und Gabriel für die offenen Einblicke und an alle, die dabei waren.
