Ein Rechtsanwalt, der seine Karriere als "akademischen Unfall" bezeichnet und sich selbst das Label "Punkanwalt" verpasst, sprengt erst einmal jedes Klischee. Doch hinter Prof. Mag. Alexander F. S. Putzendopler steckt kein Marketinggag, sondern die Überzeugung, dass das Recht kein Elfenbeinturm sein darf.
In diesem Interview räumt er mit dem "gestelzten Gehabe" der Branche auf. Er erklärt, warum er lieber Blinddärme operiert als Anatomievorlesungen zu halten, was man beim Drachenbootrennen über Kanzleiorganisation lernt und warum Humor die schärfste Waffe gegen die Anspannung vor der Rechtsanwaltsprüfung ist. Ein Gespräch über die Lust an der großen Klappe, die Liebe zum Brettspiel und die Kunst, Mandanten als Partner zu sehen – ganz ohne die übliche Umfahrungsstraße durch den Kodex.
Herr Mag. Putzendopler, Sie vereinen viele Rollen – Rechtsanwalt, Vortragender, Moderator, Journalist und sogar Schauspieler. War das ein klar geplanter Karriereweg oder eher eine Entwicklung aus Neugier und Gelegenheit?
Ganz klar nicht, das war eine Verkettung glücklicher Umstände😀. Eigentlich wollte ich nicht einmal Jus studieren, dies war eher ein akademischer Unfall – den ich aber beileibe nicht bereue. Meine mittlerweile zahlreichen Nebengschaftln haben sich, wie es im Leben doch so oft der Fall ist, eher ergeben. Seit meiner Kindheit liebe ich Sprache und auch das Rampenlicht, meine doch eher stark ausgeprägte große Klappe war dann das Fanal, diese Leidenschaften immer mehr auszuleben und sie irgendwie versehentlich auch in mein Berufsleben zu integrieren.
Gab es einen Moment in Ihrer Laufbahn, in dem Sie bewusst entschieden haben: „Ich möchte mehr sein als der klassische Anwalt“?
Sicher nicht ob eines singulären Menetekels. Ab dem – schleichend gefaßten – Entschluß, der Juristerei erhalten zu bleiben, war es für mich selbstverständlich, nicht ein Abziehbild der gesellschaftlich erwarteten Rolle eines Advokaten zu sein, „weil das halt so ist“, sofern ich mich dazu irgendwie verbiegen müßte. Ich verstehe mich als Dienstleister (nicht Diener!) des Mandanten, in weiterer Folge aber auch am Recht, aus diesem Blickwinkel kann man mich sicherlich sehr wohl als „klassischen Anwalt“ betrachten, jedoch bin ich schon der Meinung, gerade in schwierigen Situationen mit einem lockereren Zugang zum Leben den Leidensdruck auf den Schultern meiner Mandanten leichter lindern zu können, als mit hochelaborierten Einführungsvorlesungen Jus beim Erstgespräch. Auch ist mir das Begegnen auf Augenhöhe mit meinen Kunden (denn nichts anderes ist ein Mandant ja) enorm wichtig – mag ich wohl in manchen Bereichen mit umfassenderer fachlicher Expertise beschlagen sein, sonst bräuchte man uns ja auch nicht, ist das Gegenüber kein Bittsteller, sondern schlicht ein Ratsuchender, dem mit gestelztem Gehabe sicher kein Dienst erwiesen ist.
Sie betonen die Partnerschaft auf Augenhöhe mit Ihren Mandanten. Was bedeutet das konkret im oft komplexen juristischen Alltag?
Der Mandant hat ein Problem – meistens zumindest – und möchte es gelöst oder gelindert haben oder, wenn es nicht zu lösen ist, den inneren Druck abbauen. Das gelingt aber nicht, mit einem Grundlagenprivatissimum zur EUGVVO, sondern durch Übersetzung des gemeinsam (juristisch) zu gehenden Weges in das echte Leben. Selber großer Vereinsmeier bin ich recht intensiv im Vereinsrecht und -wesen unterwegs. Hier brauchen wir häufig das Vereinsgesetz gar nicht zu bemühen, sondern aus der Erfahrung mit Vereinen und den dahinterstehenden Menschen nach gangbaren Wegen zu suchen, die oft zutiefst menschlichen Konflikte zu bereinigen. Und das geht halt nicht von oben herab, sondern nur zusammen.
Wie schaffen Sie es, juristische Inhalte verständlich zu machen, ohne an fachlicher Tiefe zu verlieren?
Gesetze wurden und werden ja nicht zum Selbstzweck geschaffen, sondern um das Leben und die Welt abzubilden – man braucht schlicht nicht die Umfahrungsstraße durch den Kodex zu nehmen, sondern bleibt beim Lebenssachverhalt und erklärt die Umstände, Möglichkeiten und Folgen einfach direttissima auf der Ebene, auf der sich die Causa abspielt, nämlich in der echten Welt. Der Arzt erklärt ja beim Aufklärungsgespräch auch nicht die komplexen Zusammenhänge der menschlichen Anatomie, sondern daß er – weil es jetzt im Bauch weh tut – den Blinddarm herausschneidet.
Was hat Ihre Zeit als Rechtsanwaltsanwärter besonders geprägt - fachlich, aber auch menschlich?
Die Drachenbootrennen auf der Alten Donau 😉 Fachlich ganz sicher das Glück (weil geplant war das mangels auch nur des Libellenfluges von Ahnung nicht), von mehreren Anwälten ganz unterschiedlicher Persönlichkeit aber auch komplett divergenten Fachgebieten ausgebildet worden zu sein. Das war und ist nicht nur für die RAP und meine jetzige tägliche Arbeit ausgesprochen hilfreich, sondern hat mir auch sehr früh am Beginn meiner Konzikarriere ermöglicht zu erkennen, welche Materien mir taugen und welche ich nicht einmal mit der glühenden Zange angreifen will. In meiner ersten Ausbildungskanzlei habe ich ob derer Struktur dann auch gleich neben diesem Juszeugs auch Unmengen an Nebengeräuschen mitbekommen, von Kanzleiorganisation, über sinnvolle Automatisierung bis hin zu „wie funktioniert dieses Unternehmersein eigentlich“. Was ebenfalls definitiv positiv war, meine Konzipientenzeit über niemals als auszuquetschender Knecht, sondern immer sehr wertschätzend behandelt worden zu sein.
Sie arbeiten unter dem Motto „Gemeinsam Recht bekommen“. Wie hat sich dieses Selbstverständnis im Laufe Ihrer Karriere entwickelt?
Wie oben kurz angerissen – nach meinem Verständnis ist jeder Akt immer ein gemeinschaftliches Projekt. Natürlich bin ich dafür da, rechtlichen, strategischen oder auch persönlichen Input zu liefern, aber ohne die Teamarbeit mit dem Mandanten wären das wenig fruchtbringende Monologe.
Wie beeinflusst Ihre Tätigkeit als Vortragender und Professor Ihre Arbeit in der Kanzlei – und umgekehrt?
Ich habe dadurch weniger Zeit im Büro zur Verfügung😀. Im Ernst, gerade meine Unterrichtstätigkeit an der BHAK für Führung und Sicherheit der Theresianischen Militärakademie ist eine wohltuende, obgleich manchmal stimmbandvernichtende Abwechslung. Durch die Arbeit mit den Kadetten und meine meistens mehr, manchmal weniger, erfolgreichen Versuche, jungen Erwachsenen die Grundlagen plus des Österreichischen Rechtssystems zu vermitteln, sehe ich mehrmals wöchentlich, wie viel Freude die Juristerei eigentlich machen kann – sie anzuwenden wie auch zu lehren. Es ist auch eine ganz andere Vortragstätigkeit als etwa an einer Volkshochschule oder bei einem Seminar, schlicht weil man jungen Menschen, die ohnedies den ganzen Tag mit Wissen vollgestopft werden, eine nach allgemeiner Wahrnehmung fade Materie mit deutlich mehr Action näherbringen muß. Das ändert auch den eigenen Betrachtungswinkel nachhaltig – manche Dinge sind eben beileibe nicht so kompliziert, wie wir sie uns zu sehen jahrelang antrainiert haben.
Als Prüfungskommissär sehen Sie die nächste Generation von Anwältinnen und Anwälten: Was unterscheidet die jungen Talente von den Generationen davor und welchen Rat hätten Sie gerne vor der Rechtsanwaltsprüfung erhalten?
Daß literweise Energydrinks nicht besonders gesund sind. Mittlerweile könnte ich einen Meldezettel auf den Justizpalast ausstellen – ich habe soeben nachgezählt, in meinen jetzt acht Jahren als Prüfungskommissär habe ich über zweihundert (!) Kandidaten mir gegenüber gehabt. Mir ist immer wichtig, den Kandidaten zusammen mit den weiteren Kommissionsmitgliedern eine angenehme Prüfungsatmosphäre zu schaffen. Die Lernphase ist sowieso brutalst anstrengend, da muß man dann nicht in der Prüfung selbst noch sekkant werden. Das ist auch der Grund, aus dem ich mir für die Vorstellungsgespräche viel Zeit nehme: Informationen zu Spezialgebiet und schriftlicher Prüfung könnte ich auch per Mail schicken, das ist aber eher wertlos. In den Kennenlerngesprächen bemühe ich mich, den Kandidaten das ganze Rundherum um die drei „Ich schaff das nie“-Monate zu erzählen und auch Tips eher feinstofflicher Art zu geben.
Sie stehen regelmäßig auf Bühnen – sei es als Moderator oder Schauspieler. Was kann die Juristerei vom Theater lernen?
Nicht immer alles bitterernst zu nehmen.
Gibt es Fähigkeiten aus der Schauspielerei oder Moderation, die Ihnen vor Gericht oder im Mandantengespräch konkret helfen?
Puh, schwierig – sicher der Umgang mit Stimme, Sprache und Ablauflogik, das ist aber denke ich nur bedingt zu erlernen, das muß man einfach leben.
Anwälte gelten oft als „verstaubt“ – Sie treten deutlich lockerer und humorvoller auf. War das eine bewusste Positionierung?
Als Positionierung würde ich das jetzt gar nicht bezeichnen, ich bin halt einfach so (und ich selbst). Natürlich habe ich mit meiner Kanzlei-CI „IPA – Ihr Punkanwalt“ ganz bewußt den Schritt gesetzt, einmal von den mannigfaltigen grau-blauen Websites wegzugehen, sondern statt dessen zu zeigen, daß es auch ein bissi bunter geht. Wie so oft, war dieses ganze Projekt Ergebnis eines völlig schrägen Tages und eines „jawui, bitte mach das, das wird lustig“. Außerdem ist die Abkürzung einfach so toll: Ihr Punkanwalt, Ihr Putzendopler Alexander, IP-Anwalt, Ich Prozessiere Alles…
Wie viel Persönlichkeit und Humor verträgt der Anwaltsberuf – und wo zieht das Standesrecht klare Grenzen?
Zu viel Persönlichkeit kann es gar nicht geben, sie sollte nur sozial verträglich sein 😉Sie haben natürlich völlig recht, unser Standesrecht setzt zum Glück Grenzen gegen allzuviel Schabernack, nicht jedoch verbietet es die innere Leichtigkeit im Umgang mit dem Leben. Auch das versuche ich meinen Prüfungskandidaten immer mitzugeben: Wenn es das Adrenalin zuläßt, können’s bei der Prüfung ruhig schmähführen – ab dem ersten Lacher ist die Atmosphäre deutlich gelöster und auch für die Ruhe des Prüflings ein wichtiger Schritt. Wenn man es schafft, auch in einer Streßsituation den Humor nicht zu verlieren, verschwinden die Klauen der Anspannung wie von selbst.
Sie sind stark in Hietzing verwurzelt. Welche Rolle spielt Regionalität heute noch in einem zunehmend digitalisierten Rechtsmarkt?
Eine sehr große und gleichzeitig gar keine. Nein, ich bin jetzt nicht verrückt geworden 😀. Aktuell sind wir in Wien 3.925 Kolleginnen und Kollegen (ohne Konzis). Im gesamten Dreizehnten sind wir 46. Menschen sind einmal grundsätzlich bequem: Ich nehme an, bei einem Wasserschaden suchen Sie einmal zuvörderst „Installateur in der Nähe“. So ist das teilweise auch in unserer Branche, viele Mandanten schätzen es einfach, keine weiten Wege zu haben bzw sehen es als eine Art der Verbundenheit, den Rechtsfreund des Vertrauens im eigenen Grätzl zu finden. Andererseits ist es wieder völlig irrelevant – eine meiner anwaltlichen Hauptbeschäftigungen ist das Immaterialgüterrecht in allein seinen lustigen Spielarten, zusätzlich bin ich zumindest meines Wissens der einzige Anwalt in Österreich, der auf die Vertretung von Spieleautoren, -verlagen und -agenturen spezialisiert ist (ja, ich weiß, nischiger geht es kaum mehr). Da läuft natürlich extrem viel online ab, schlicht, weil zB Vorarlberg dann doch etwas weiter weg ist.
Bei so vielen Rollen: Was gibt Ihnen persönlich am meisten Energie – und was fordert Sie am meisten heraus?
Die Nettigkeit des Schicksals und der Gene, ein durch und durch zufriedener Mensch zu sein, dem schlechte Laune oder Rastlosigkeit völlig fremd sind. Und das nicht in Sternenstaub aufzuwiegende Glück, mit der besten Frau der Welt – selbst exzellente Rechtsanwältin – verheiratet sein zu dürfen. Als Herausforderung würde ich es nicht bezeichnen, aber manchmal hätte ich gerne 48-Stunden-Tage – mich interessiert so viel in und an dieser Welt, ich würde gerne noch mehr davon erleben können.
Wie sieht für Sie ein idealer Arbeitstag aus, wenn Sie alle Ihre Tätigkeiten kombinieren könnten?
Zähneputzen 😋 Kaffee und Kreuzworträtsel, in der Kanzlei herumadvozieren, einen weiteren Artikel für den STANDARD runterdiktieren, eine Podiumsdiskussion samt eigenem Senf moderieren und dann bis die schwarze Luft kommt am Brettspieltisch sitzen.
Gibt es eine Fähigkeit außerhalb der Juristerei, die Sie jungen Jurist:innen unbedingt empfehlen würden?
Gelassenheit üben – es ist wirklich nicht alles so schlimm, wie man es sich ausmalt.
Wenn Sie heute noch einmal am Anfang Ihrer Karriere stehen würden: Was würden Sie anders machen?
Gar nichts. Ich bin völlig zufrieden, wie es ist.
Steckbrief: Persönliche Fragen an Alexander Putzendopler
Wo und wie tanken Sie Energie?
In der „Sporthalle Wien“ (großartige Adresse mit phantastischen Trainern), beim Brettspielen und natürlich durch die gemeinsame Zeit mit meiner Frau.
Welche App ist für Sie unverzichtbar?
BookBuddy und BG Stats (Datenbanken und Statistiken für Bücher und Spiele)
Welches Buch lesen Sie gerade?
Parallel Joseph Roth – Trübsal einer Straßenbahn und Andreas Gruber – Last Line of Defense: Der Crash
Was ist Ihre größte Stärke?
Absolute innere Ruhe
Ihr größter Karriere-Learnings in einem Satz ...
Die anderen kochen auch nur mit Wasser und man soll immer an die eigenen Fähigkeiten glauben.
Wie lautet Ihr Lebensmotto?
Nec Aspera Terrent
