Die Frage taucht derzeit in nahezu jedem Gespräch über die Zukunft der Rechtsbranche auf: „Brauchen wir in zehn Jahren noch so viele Jurist:innen wie heute?“
Der rasante Fortschritt bei generativer KI, insbesondere bei juristisch trainierten Systemen, lässt manche vermuten, dass ein erheblicher Teil juristischer Arbeit automatisiert werden könnte. Gleichzeitig beobachten wir, dass Kanzleien weltweit in KI investieren und ihre Arbeitsweisen verändern.
„Als Chief Digital and Technology Officer von Wolf Theiss bedeutet diese Entwicklung für mich aber nicht die Abschaffung juristischer Arbeit und ‚weniger Jurist:innen durch mehr Technologie‘. Vielmehr entsteht ein neues Arbeitsmodell – eines, das auf Co-Creation zwischen Mensch und KI basiert und so den Fokus unserer Jurist:innen von derzeit noch notwendigen, nicht genuin juristischen Tätigkeiten (z. B. in der Sachverhaltsaufarbeitung) wieder stärker auf die juristischen Kernbereiche lenkt“, so Leonhard Wassiq.
Die entscheidende Frage ist daher nicht, ob wir künftig noch Jurist:innen brauchen, sondern welche Art von juristischen Fähigkeiten künftig besonders gefragt sein werden.
„Aus meiner Perspektive als Anwältin wird es für Jurist:innen am Markt (noch) wesentlicher darum gehen, sich durch persönliche Qualifikation, Erfahrung und maßgeschneiderte Mandant:innenbetreuung abzuheben. Der menschliche Aspekt, der oft auch viele strategische Elemente beinhaltet, wird sich meines Erachtens noch verstärken. Man darf auch nicht vergessen, dass am anderen Ende unseres Mandatsvertrags immer ein Mensch steht, der sein Vertrauen in uns als seine Anwälte und Anwältinnen setzt“, ergänzt Theresia Welser.
Generative KI hat das Potenzial, viele Aufgaben deutlich schneller zu erledigen als bisher möglich. Dazu gehören beispielsweise:
die Analyse großer Dokumentenmengen
die Erstellung erster Vertragsentwürfe
juristische Recherche
das Zusammenfassen komplexer Inhalte
die Strukturierung von Argumentationslinien
Tätigkeiten, die bisher viel Zeit in Anspruch genommen haben, können heute teilweise innerhalb weniger Minuten vorbereitet werden.
Das bedeutet aber nicht, dass diese Aufgaben vollständig verschwinden. Vielmehr verschiebt sich die Rolle der Jurist:innen von der manuellen Erstellung hin zur intelligenten Steuerung und Bewertung der Ergebnisse.
KI kann einen ersten Vertragsentwurf liefern. Aber sie kann nicht die strategische Einschätzung übernehmen, welche Regelung für eine bestimmte Mandant:innen-Situation wirklich sinnvoll ist. Sie kann Muster erkennen, aber nicht die wirtschaftlichen, regulatorischen oder politischen Implikationen einer Entscheidung vollständig verstehen.
Die Verantwortung bleibt beim Menschen - und damit auch der Bedarf an hochqualifizierten Jurist:innen.
Realistisch betrachtet wird sich der Arbeitsalltag vieler Jurist:innen verändern. Einige Tätigkeiten werden künftig weniger Zeit beanspruchen oder teilweise automatisiert werden.
Dazu gehören insbesondere:
Routinemäßige Recherche: Große Teile der klassischen juristischen Recherche lassen sich heute bereits durch KI-Systeme beschleunigen. Statt Stunden mit Datenbanken zu verbringen, können Jurist:innen schneller zu den relevanten Quellen gelangen.
Standardisierte Dokumentenerstellung: Verträge, Schriftsätze oder Gutachten beginnen häufig mit strukturell ähnlichen Grundlagen. KI kann diese Grundstrukturen erzeugen und vorbereiten.
Dokumentenprüfung in großen Datenmengen: In Bereichen wie Due Diligence oder Compliance können KI-Systeme Auffälligkeiten deutlich schneller identifizieren.
Das bedeutet: Der Anteil repetitiver Arbeit wird sinken.
Für junge Jurist:innen kann das sogar ein Vorteil sein. Statt sich über lange Zeit mit stark standardisierten Aufgaben zu beschäftigen, können sie schneller an strategischere und anspruchsvollere Themen herangeführt werden.
Theresia Welser meint dazu: „Aus meiner Perspektive als Anwältin ist mir natürlich wichtig, dass Konzipient:innen trotz steigender Integration von KI in den Arbeitsalltag weiterhin mit ausreichender Tiefe an die fachliche Materie herangeführt werden und dass in der Ausbildung nichts verloren geht. Hier wird wohl auch Eigenverantwortung gefragt sein.“
Während einige Tätigkeiten an Bedeutung verlieren, werden andere deutlich wichtiger. Genau hier liegt die Zukunft des juristischen Berufs.
Strategische Beratung
Mandant:innen erwarten zunehmend nicht nur eine juristische Analyse, sondern eine strategische Einordnung ihrer Optionen.
Welche Risiken sind realistisch?
Welche Struktur ist wirtschaftlich sinnvoll?
Wie entwickeln sich regulatorische Trends?
Diese Art von Beratung erfordert Erfahrung, Urteilsvermögen und Branchenverständnis – Fähigkeiten, die KI nicht ersetzen kann.
Interdisziplinäres Denken
Rechtsberatung findet heute selten isoliert statt. Technologie, Regulierung, Wirtschaft und geopolitische Entwicklungen greifen ineinander.
Jurist:innen, die verstehen, wie Technologie funktioniert und welche Auswirkungen sie auf Geschäftsmodelle hat, werden zunehmend gefragt sein.
Qualitätssicherung und kritische Bewertung von KI
KI-Systeme liefern Vorschläge, aber diese müssen überprüft werden.
Die Fähigkeit, Ergebnisse kritisch zu hinterfragen, Risiken zu erkennen und juristisch belastbare Lösungen zu entwickeln, wird daher noch wichtiger.
Kreative Problemlösung
Viele der komplexesten Mandate bestehen aus einzigartigen Konstellationen. Hier geht es weniger um das Finden eines Präzedenzfalls als um kreative juristische Konstruktionen.
Genau diese Fähigkeit bleibt ein klar menschlicher Vorteil.
Vertretung vor Behörden und Gerichten
Trotz zunehmender Automatisierung bleibt die persönliche anwaltliche Vertretung ein Kernbereich, der sich nicht substituieren lässt. Sie umfasst das Auftreten in Verwaltungs- und Gerichtsverfahren, die strategische Prozessführung sowie die Durchsetzung von Ansprüchen.
Jurist:innen übernehmen die vollständige Verfahrensbetreuung. Diese Tätigkeit erfordert rechtliche Autorität, prozessuales Know-how und die Fähigkeit, komplexe Sachverhalte überzeugend zu präsentieren. Genau hier liegt ein wesentlicher menschlicher Mehrwert.
Gerade für Berufseinsteiger kann diese Entwicklung sehr spannend sein.
In einer Welt mit KI-Unterstützung übernimmt KI repetitive Aufgaben und entlastet so junge Jurist:innen. Hier entsteht Raum für noch tiefere rechtliche Auseinandersetzungen mit dem Sachverhalt und eine frühere Einbindung in Mandate.
Gleichzeitig entstehen neue Rollen an der Schnittstelle zwischen Recht und Technologie:
Legal Tech Specialists
Legal Innovation Manager
AI-gestützte Wissensmanagement-Experten
Jurist:innen mit besonderem Fokus auf Daten und Technologie
Die juristische Ausbildung bleibt dabei die Grundlage. Aber zusätzliche Kompetenzen, etwa im Umgang mit Technologie oder im Projektmanagement, gewinnen an Bedeutung.
Für Kanzleien bedeutet diese Entwicklung ebenfalls einen Wandel.
Technologie ist nicht mehr nur ein unterstützendes Werkzeug, sondern wird zunehmend Teil des Geschäftsmodells. Das betrifft unter anderem:
neue Arbeitsmodelle
neue Formen der Zusammenarbeit
andere Karrierewege
Gleichzeitig wird es wichtiger, eine Umgebung zu schaffen, in der Jurist:innen und Technologie effektiv zusammenarbeiten können.
Das betrifft nicht nur die Tools selbst, sondern auch Kultur, Ausbildung und Zusammenarbeit.
Die Menge an Regulierung, internationalen Transaktionen und komplexen wirtschaftlichen Fragestellungen nimmt weltweit weiter zu. Unternehmen benötigen daher mehr denn je qualifizierte rechtliche Beratung.
KI wird diese Nachfrage nicht reduzieren – sie wird vielmehr ermöglichen, mehr und komplexere Fragestellungen effizient zu bearbeiten.
Der Bedarf an Jurist:innen wird sich daher nicht einfach verringern. Stattdessen wird sich der Fokus verschieben:
weniger repetitive Arbeit
mehr strategische Beratung
mehr interdisziplinäre Zusammenarbeit
mehr Technologiekompetenz
Die Rechtsbranche steht heute an einem spannenden Punkt.
KI verändert die Art, wie wir arbeiten, aber sie verändert nicht die Bedeutung juristischer Expertise. Im Gegenteil: In einer Welt, die technologisch, wirtschaftlich und regulatorisch immer komplexer wird, wird die Fähigkeit, diese Komplexität zu verstehen und verantwortungsvoll zu gestalten, immer wichtiger.
Für junge Menschen, die sich für Recht interessieren, ist das eine sehr gute Nachricht.
Denn die Jurist:innen der Zukunft werden nicht nur Rechtsfragen beantworten – sie werden an der Schnittstelle von Recht, Technologie und Wirtschaft die Regeln für eine neue digitale Realität mitgestalten.
Und genau darin liegt die große Chance.
„Die spannendste Entwicklung der nächsten Jahre wird nicht sein, dass KI die Jurist:innen ersetzt, sondern dass Jurist:innen mit KI Fähigkeiten entwickeln, die heute noch kaum vorstellbar sind. Wer Recht, Technologie und strategisches Denken verbindet, wird die Zukunft unserer Branche aktiv mitgestalten“, betont Wassiq.
„KI wird unseren Arbeitsalltag verändern, aber sie nimmt unserem Beruf weder seine Menschlichkeit noch seine Bedeutung. Vielmehr eröffnet sie neue Möglichkeiten: Jurist:innen werden sich künftig noch stärker durch persönliche Qualifikation, strategische Erfahrung und individuelle Mandant:innenbetreuung auszeichnen. Der menschliche Faktor – unterschiedliche Denkweisen, strategische Einschätzungen und die Fähigkeit, komplexe Situationen richtig einzuordnen – bleibt und wird noch mehr an Bedeutung gewinnen“, schließt Welser ab.
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